FRANKE RÖSSEL RIEGER

A R C H I T E K T E N

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zuccalistrasse 16

 

wandel(n) mit der zeit

 

 

der anlass für den erwerb der hofmark „kemnaten“ am 1.juli1663 durch den bayerischen kurfürsten ferdinand maria war die geburt seines sohnes max emanuel im jahre 1662.

 

damit begünstigt wurde seine gattin – henriette adelaide von savoyen.

 

schon im jahre 1664 wurde mit dem bau des landschlosses unter agostino barelli begonnen.

die poetische fürstin liess zunächst das mittelstück, einen 5-geschossigen hauptbau- als „casino“ in italienischem geist und stil errichten und widmete es der göttin flora.

es diente als behausung für den sommerlichen aufenthalt, zur erholung und als ruheort nach dem genuss des fürstlichen ergehens in der natur.

 

1676, also 2 jahre nach der beauftragung zuccalis mit der fortführung von barellis bauarbeiten, starb die fürstin zweiundvierzigjährig.

 

etwa ein jahrhundert musste vergehen, bis die höfische baustelle der wittelsbacher ihre jetzige form fand, die baumeister giovanni antonio viscardi, josef effner und franςois cuvilliés d.ä. vollendeten es zu einem bedeutsamen barockschloss.

 

ab 1804 veränderte friedrich ludwig von sckell den barocken garten zu einem landschafts-garten im englischen stil.

 

die großartige schlossanlage prägt heute den münchner stadtteil „nymphenburg“, über den man im jahre 1867 als „gemeinde nymphenburg“ im handbuch des bezirksamtes münchen links der isar aufgelistet fand:

 

1544 einwohner und 236 gebäude

 

- amalienburg königliches schloss, 2 gebäude

- badenburg königliches schloss, 5 einwohner, 2 gebäude

- ebenau einöde, 6 einwohner, 4 gebäude

- gern weiler, 74 einwohner, 23 gebäude

- hirschgarten einöde, 9 einwohner 4 gebäude

- nymphenburg königliches schloss und dorf, hofkuratie der kath. pfarrei sendling, prot. pfarrei münchen, 1442 einwohner ( davon 7 protestanten ), 196 gebäude, 2 kirchen, schule,

engl. fräulein-institut, porzellan-manufaktur, postexredition,

garnisonskompanie

 

enrico zuccali also ist der namensgeber für den standort des ehemaligen hauses des jesuitenordens an der zuccalistrasse 16, 1964 – 66 errichtet vom düsseldorfer architekten prof. paul schneider-esleben.

 

der geniale baumeister ( 1915 – 2005 ) studierte 1937-39 an der th darmstadt und 1946/47 in stuttgart architektur, bevor er 1948 sein eigenes büro in düsseldorf gründete und 1960 dem ruf an die kunstakademie in hamburg folgte.

 

die bauten der haniel-garage in düsseldorf, 1950/51, des mannesmann-hochhauses ebendort, 1951/56, des flughafens in köln-bonn, 1965-70 und des schon erwähnten gebäudes der jesuiten in münchen nymphenburg lassen das architektonische werk des düsseldorfers sehr außergewöhnlich erscheinen.

 

zeitliche weggefährten – wenn auch teilweise auf anderen pfaden – von schneider-esleben sind u.a. so honorige namen wie max bill, *1908, u.a. mitbegründer der hochschule für gestaltung in ulm; gottfried böhm, *1920; egon eiermann, *1904, rolf gutbrod, *1910; hermann henselmann, *1905, der chefarchitekt der ehemaligen ddr; ludwig mies van der rohe, *1886; sep ruf, *1908; hans scharoun, *1893;

rudolf schwarz, *1897, in dessen kölner büro schneider-esleben in den jahren 1947/48 mitarbeitete ...

viele andere könnten diese zeitreise mit ihren werken ergänzen.

 

die denkmalschützer des freistaates bayern haben nicht gezögert, das gerade mal 40 jahre alte gebäude in nymphenburg als herausragendes baudenkmal seiner zeit einzustufen und es damit entsprechend zu würdigen, dieses kleinod in der sonst so kargen frühen münchner nachkriegs-baugeschichte zu manifestieren.

 

sicherlich könnten diesem aussergewöhnlichen gebäude bezüge zu ihm zeitnahen bauwerken in material, sprache und philosophie zugeschrieben werden, z.b. den bauten louis kahns, kenzo tanges, hans scharouns.

 

besonders einleuchtend wird dies vor allem bei der betrachtung von le corbusiersdominikaner-kloster von sainte marie de la tourette in eveux-sur-arbresle in frankreich, 1960 vollendet.

dessen roh belassene betonkonstruktion, die verglasten betonrahmen, weiß gekalkte füllungen, die geniale lichtführung, sein ausblick in die landschaft und die fast archaisch anmutende architektursprache sind auch gebäudeparameter bei schneider-eslebens architektur in nymphenburg.

 

die beim jesuiten-kloster verwendete 6-eck-raster-ordnung bildet das gebäudespezifische

konstruktionsmerkmal des ruhig lagernden 2-geschossigen gebäudetypus, ein durchaus nicht unübliches stilmittel dieser bauepoche.

stringente programmvorgabe für nutzung und organisation im gebäude durch den orden an schneider von esleben und individualistische lebensform in der jesuitengemeinschaft sind hier ausdruck des intellektuellen klösterlichen begegnungsraumes der nachfolger von ignatius von loyola und alfred delps geworden.

 

in skulptur gegossener, höchsten handwerklichen prämissen gerecht gewordener beton,

rein in flächigem kargen grau als äusseres erscheinungsbild, und sorgfältig gewählte materialien mit ihrer jeweils immanenten farbigkeit wirken niemals dekorativ, implizieren im aussen und innen den nährboden für gelebten christlichen humanismus.

 

die geschlossene baukörperkonfiguration umschliesst einen grünen innenhof, kreuzgangmäßige anspielungen bleiben nicht verborgen, angenehme maßstäblichkeit prägt den ruhigen ort.

sein himmlisches streben erfährt der ehemalige klosterkomplex durch die zentral am hof gelegenen ehemaligen 3 bibliothekstürme, den herzen der anlage.

genial gesetzte, teilweise rahmenlos verglaste fensterelemente in bester detailsprache gestalten nicht nur die äussere fassade, sie zonieren auch das innere in immer neuen durch- und ausblicken und lichtsituationen, sakrales licht belebt die räume.

 

nun soll dieses grossartige gebäude einer neuen nutzung zugeführt werden, allerdings einer nutzung, die auch ursprünglich in teilen schon vorzufinden war.

wohnen in nobler qualität, sich aus der baulichen vorgabe entwickelnd, das baudenkmal respektierend, seine sprache gleichsam sprechend, archaisch, direkt am licht – dies soll entstehen.

 

und der respekt, bei allem respekt, darf künftig die lebensfreude der neuen nutzer/innen nicht zu kopflastig werden lassen, als vorbild dafür wären die ehemaligen bewohner zu nennen.

und natürlich bleibt das bild des bauwerk gewordenen geistes bestehen.

das neue, es wird neues geben, wird versuchen, eigenständig und selbstbewusst zu sprechen, im dialog mit dem alten – gebaute identigrafie ( schriftgleichheit ).

 

im ehemaligen kloster sorgten gelbe vorhänge für blend- und sichtschutz vor sonne und zuviel neugier, also gleichsam für „farbe“ nach aussen.

diese farbfamilie findet sich im neuen etwas spektakulärer wieder.

das neue auf der in seinen ursprung zurückgeführten grauen skulptur wird kontrastieren,

matt gold glänzen, nobel, mirabellengleich, ohne schmückendes detail, wie das vorbild des alten. ebenso skulptural, wenn auch in anderer diktion.

 

im ehemaligen kloster gab es grau – beton, weiß – putz weiß gestrichen, rotbraun – parkett, lebendiges schwarz – betonwerkstein, uni schwarz – zargen, heizkörper, sockelleisten, schlosserdetails. diese vorgabe wird interpretiert und transformiert in das „neue alte“ des umzubauenden bestandes.

 

poesie, schönheit, vielleicht mit ecken und kanten, vielleicht so:

 

 

leben

im beispielhaften

müsste veränderung spürbar werden lassen

es kann in wochen nicht so sein wie am ersten

tag

aus tag ein fällt unmerklich staub auf alles und jedes

unsichtbar und leise

wie in der wüste

aber die wüste lebt und tötet zugleich

des menschen kraft hat keine macht

hier

sollte es anders sein

spuren

gebrauchsspuren

vielleicht mal etwas verrücken

striche an der wand mit kreide

weißer

als der schnee

unberührt und makellos kann irdisches ja nicht sein

man muss es spüren

können

wir das so begreifen

auch mit händen

sehen

später nach

inwieweit und ob

 

fra / franke rössel rieger architekten