FRANKE RÖSSEL RIEGER

A R C H I T E K T E N

SCHWANTHALERSTR.12

D-80336 MÜNCHEN

FON +49-(0)89-759400-50

FAX +49-(0)89-759400-70

 

sehen lernen und anderes

eine reale insellage

 

 

 

 

 

erste begegnung, dezember 2004

 

lebensraum, der sicherlich nicht in allen bezügen dem sogenannten heutigen „standard“ entsprach, war hier ort jesuitischen daseins, betens, wohnens und arbeitens.

  

karge eleganz, unprätentiös im sinne von überstrapazierten modebegriffen wie nachhaltigkeit und wertigkeit, füllte leere räume gänzlich aus.

und doch, oder gerade deshalb bot der stille ort zuflucht für philosophisches und kämpferisches. nicht umsonst hieß das kloster „alfred delp haus“, benannt nach dem widerstandskämpfer des kreisauer kreises um graf von moltke.

 

das duale system von körper und geist, das innen und außen des genialen klosterlichen urtyps, hatte ursächlich nichts mit dem drang nach „verstehen“ zu tun.

verstehen basiert nämlich auf solider kenntnis und neugierigem empfinden. vor allem auf sinnlicher wahrnehmung, offen und unvoreingenommen, ohne nach dem vermeintlich unvermeindlichem streben nach der wahrhaftigen erkenntnis, also der wahrheit.

diese, die wahrheit also, erschließt sich sowieso nur wenigen, sofern sie überhaupt für menschen erkennbar ist.

 

wahrheit hat die eigenschaft nur solange wahrheit zu sein, bis der prüfungsversuch eine neue wahrheit zu tage fördert, die die alte wahrheit ersetzt.

der philosoph karl popper fand in seinen schriften zur wahrheit scheinbar banale beispiele, um den begriff wahrheit jedem gebildeten und ungebildeten plausibel zu erklären, mit einfachen worten.

unstrittig scheint zu sein, so popper, dass die wahrheit, z.b. ob es regent oder nicht, durch bloße augenscheinnahme als wahrheit verifiziert werden kann. Ansonsten wäre der versuch, sich ständig an die wahrheit anzunähern, der richtige weil experimentelle lebensentwurf.

 

deshalb mussten wir die annäherung an die wahrheit aus unserem verständnis festlegen.

möglicherweise haben wir dabei die wahrheit, von uns völlig unbemerkt, übersehen, eben weil uns die beweiskraft für die absolute wahrheit niemals ziel war.

 

die wahrheit im vorliegenden fall, nämlich das gebaute „urkloster“, war beweisbar, real eben.

blanker beton, kunstvoll geschalt und sorgfältig gegossen, mit als angenehm empfundener kühle in heißen sommern, und strenger kathedralenhafter kühle in kalten wintern.

ideal für einen klaren kopf und seinen inhalt, das gehirn.

 

die wahrheit war überragt von den, mit hunderttausenden von büchern erfüllten türmen, im innenhof platziert, volumina für geist und körper.

hier war lesen und schreiben ohne e-book und -paper noch mit seitenumblättern verbunden, aussen ledern bezogen, vielleicht mit goldschnitt versehen, auf handwerklich perfekten unaufdringlich vom meister schneider-esleben gestalteten eichentischen.

 

man erinnerte sich an umberto eco´s „il nome della rosa“, nur dass das umblättern mit befeuchteten fingern hier nicht zum tode, sondern zur erleuchtung führte.

 

 

 

zweite begegnung, märz 2005

 

orientierungslosigkeit – das kloster ist nicht orthogonal, wie die stadtanlagen von hippodamus von milet (geb. ungefähr 510 v. christus), dem städtebauer des altertums, auf dessen ursprüngen u.a. auch new yorks manhatten mehr als 2 jahrtausende später entstand – war der erste, der zweite und der dritte eindruck beim begehen der schräg strukturierten anlage.

ein roter faden musste bei der begehung sorgfältig ausgerollt werden, um nach erforschung der klösterlichen mauern den ausgangspunkt wieder zu finden.

 

durch addition eines gleichseitigen dreiecks war die auch nach der baumaßnahme immer noch existente, ungewohnt provokative, visionäre und charmante gebäudekonfiguration entstanden.

 

wider erwarten trotzdem bescheiden in der fülle der sich daraus entwickelnden, nicht duplizierten, grandiosen tageslichtgeformten , mit unzähligen unikalen ausblickperspektiven versehenen volumina.

 

otto piene, mitbegründer der gruppe zero („nullpunkt der kunst“) schrieb 1959 in „was ist ein bild“ u.a.: „... das bild ist ein kraftfeld, arena der begegnung von energien des autors

geschmolzen, gegossen in die bewegungen der farbe

empfangen aus der fülle des universums

gelegt in die kapillaren der offenen seele des betrachters ...“

 

so etwas fanden wir hier vor.

 

 

 

dritte begegnung + zahllose begegnungen 2006-2009-2013

 

was könnte den unterschied von gemaltem und gebautem bild ausmachen?

man kann es sicher ganz anders beschreiben als piene es tat, kaum aber eindrücklicher.

kannte paul schneider-esleben pienes lyrik? wir gehen davon aus.

 

kurzum, „ ... von einem ästhetischen standpunkt aus betrachtet, sind wände die grenzen einer bühne, auf der die tragödie des menschlichen strebens nach schönheit spiele ...“, so der philosoph vilém flusser in „vom stand der dinge“.

und die grenzen, also die wände, die alten und die neuen, bieten hier der tragödie (handelt es sich überhaupt um eine ?) des menschlichen strebens nach schönheit heute die stirn, wenn man sie lässt.

 

nicht zu schnell urteilen heisst es da, nicht zu forsch entscheiden, etwas demut und respekt, den raum atmen lassen, die totgeburt der verwechselbaren perfektion vermeiden, das wünscht man sich von anderen.

 

das „gemalte bild“ von einst ist jetzt bewohnt; die collagen aus beton, glas, gold, grün, holz, stahl, stein, und stoff, aus kult und kultur, aus stumpfen und glänzendem.

es hat die anmutende kraft, den menschlichen sinnen bühne für sich immer erneuernde betrachtungen zu sein, vorausgesetzt, man nimmt sich zeit, setzt den zweiten fuß nicht vor den ersten, hört mit offenen augen und sieht mit sensiblen ohren!

das perfekte ist das unperfekte der impressionistischen skulptur.

 

und kaum neu geboren, vernehmen wir all die wünsche an die alte/neue skulptur.

wer kann einem mit und aus überzeugung sagen, was verzichtbar ist?

alles notwendige und überflüssige ist vorhanden, viel mehr als üppig vorhanden.

...der rote sonnenfilter aus textil, der ausblick ins grün - vor dem man seine augen jetzt schon schützen will, ohne ihn jemals genossen zu haben - die überbordende natur der höfischen umgebung, die ausgesperrt werden soll, sanfte wassermusik, händelartig, herzblut und höchste qualität, die sehnsucht der ausgesperrten die verdiente ruhe dreist zu stören, die unreflektierte lust nach zuckerguss – leider, und vieles mehr...

 

kurzatmige ergänzungen der ergänzungen der ergänzungn lassen die skulptur austauschbar werden, sozusagen vergleichbar mit an sich nicht vergleichbarem.

es gibt nichts vergleichbares.

oder besser: es könnte nichts vergleichbares geben!

 

war es nicht so? im bücherturm eco´s zerstörte feuer "körper und geist" der bücher, verursacht durch einen blinden.

 

wir haben nichts zurückzunehmen!

wir haben nichts hinzuzufügen!

wir blättern mit befeuchteten fingern in der historie!

 

20090225fra

 

 

 

 

20090403fra, zuccalistr.16-20, münchen
20090403fra, zuccalistr.16-20, münchen