FRANKE RÖSSEL RIEGER

A R C H I T E K T E N

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Quelle tempx1 uw mieder g.jpg Zeitschriftenreklame 1950 planet-wissen.de
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Sitzlandschaften

 

"Sitzt, passt und hat keine Luft! Oder doch?"

Da liegt der Ursprung für Madonnas legendären Gaultier ( G. ist der Frauenfeindlichkeit völlig unverdächtig!) aus dem Jahr 1990 also. Es handelt sich dabei quasi um eine Art "Sitzblockade", jegliche Verformung, Bewegung und Veränderung ist ausgeschlossen. Das Geheimnis der natürlichen Form bleibt ein Geheimnis, zumindest solange, bis es zum Äussersten kommt, wenn es dazu kommt?!

Eine Art Castor-Transport (Cask for Storage and Transport of -Radioactive?- Material), dessen Zwischenlagerstätte zumindest definiert und gefunden ist, wohl eher tagsüber. Seidig glänzend, silbern vielleicht, mit metallischer eingearbeiteter statischer Unterstützung, Bügelkonstruktion.

"Form follows Function" sagt die Brust. Das Objekt der zugegeben meist männlichen Begierde besitzt tektonische, ja architektonische Eigenschaften im 3-fachen Vitruvschen Sinne:

Venustas, Firmitas, Utilitas

 

Der "Casus obliquus" [-o´bli:kvυs], also der abhängige Fall ist für die Trägerin eingetreten.

Wir deklinieren: des Castors, dem Castor, den Castor, wählen also

Genitiv, Dativ, Akkusativ, je nach Aggregatszustand, Kontext etc.

"Ich bin Trägerin des Castors, weil ich dem Castor vertraue und deshalb den Castor gewählt habe; ich wohne in Gorleben."

Der Castor ist es, der nominative, der "Casus rectus", der zunächst unabhängige Fall, das Objekt der meist männlichen Begierde.

In den Dessousabteilungen hängen die Castoren wie die Trauben am Rebstock herum.

Frage: wer oder was hängt wie die Trauben am Rebstock herum? Antwort: die Castoren hängen wie die Trauben am Rebstock herum!

Geduldig wartend auf ihre Deklinationen durch die Probandinnen.

Naturana-Büstenformer ist irgendwie auch ein nachhaltiger, weil ökologischer Terminus: Naturana!

 

Welcher Eingebung folgend kann sich jetzt die Linie des Kreisbogens auf den tausendstel Millimeter exakt am Anfang bzw. Ende desselben, des Kreisbogens, vereinen und zum archaischsten aller archaischen Konstrukte werden?


Mit Sitzlandschaften ist ja eigentlich die Vorrichtung gemeint,

die auf üppigen Platz- und Raumgegebenheiten zum Verweilen einlädt. Im Winkel gestellt, groß und meistens grau, in nicht ganz so archaische Form gegossen. Ein sogenanntes großes L ist halt einfach ein Derivat, also eine Ableitung aus einem entwicklungsgeschichtlich älterem Organ1, nämlich dem Quadrat oder Rechteck, quasi ums Eck addiert und komponiert.

Unzählig lang ist die Liste der gestalterisch aktiven Bedürfnisanstalten, die das "Ur-L" immer und immer wieder in noch "L´schere" Formen gießen und versuchen den Anschein zu erwecken, die Ersten gewesen zu sein.

"Die Letzten werden die ersten sein". Heißt es sinngemäß nicht so im Neuen Testament, z.B. bei Matthäus 19,30: "So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten"2

 

Der Buchstabe L hat in deutschen Texten übrigens eine Häufigkeit von 3-4%. Von chinesischen MitbürgernInnen wird und wurde er oft als Ersatz für das für sie schwer zu intonierende R verwendet.

 

Die Liste der die L-förmigen Sitzlandschaften herstellenden Producer liest sich wie das "Who is Who" des "Die-seins" (Die sind es), global ambitioniert, klangvoll und schillernd, mit größter Reputation. Das L wird zum besitzanzeigenden Pronomen, vom "Be-Sitzer" aus Überzeugung vermeintlich unikal verwendet, jedoch bei großzügigen Raumverhältnissen gleichermaßen fast so häufig anzutreffen, wie die Tumbleweed artigen Staubfluserln auf edlem Geläuf, gegen die erfolgreich anzukämpfen es der Dynastie der HausbesorgerInnen den Schweiß unter die Achseln treibt. "Roll up one`s sleeves and get to work" lieber Guter Geist.


1Duden, das Derivat (aus derivatum, eigtl. Part.Perf. (Neutrum) von derivare "(ein Wort vom anderen) ableiten"

2Günther Drodowski, Werner Scholze-Stubenrecht: Duden, Redewendunge und sprichwörtliche Redensarten. Wörterbuch der deutschen Idiomatik. In: Der Duden in 12 Bänden. 1. Auflage. Band 11, Dudenverlag, Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich 1992, ISBN 3-411-04111-0, Seite 450 f...

 

"Rotes L" 20091017fra
"Rotes L" 20091017fra

Wie? Ach ja die Liste der Hersteller, nur in kleinem Auszug.

 

B&B Italia Cappelini Cassina COR

Dedon Flexform FritzHansen Kartell Minotti Montis Moroso PaltronaFrau Piure Poliform Segmüller, auch, ja!

Vitra WalterKnoll Wittmann Zeitraum usw. usf. etc. ff

 

Die hölzerne Bierdimpfl-Eckbank sucht man hier natürlich ebenso vergebens wie die schmiedeeiserne Leuchteninstallation.

Beliebt ist das "Graue L" !

 

 

Die Füße hochgelegt, ein Gläschen 16 gradigen Barolo und das Murmeln einer Bach´schen Fuge, so lässt sich entschleunigen. Keine ROTWEINFLECKEN AUF DAS GRAUE TEXTIL, bitte; und wenn, dann steht der Salzstreuer mit dem guten alten Bad Reichenhaller bereit.

Da ist der Bierdimpfl mit der Holzbank im Vorteil.

Weinaufholzmachtmichstolz!

Im Vorteil im Übrigen auch deshalb, weil er in seiner Behausung als Entschleunigungscenter eh nur eine Sitzgruppe in der Größe von 4 nordjapanischen Tatamis1 vorhalten kann (o,91m x 1,82m x 4 St.), so Gott will die Schrankwand nicht im Wege steht

( Produkt ≈ 6,60m² Vorhaltefläche Sitzgruppe).

 

Widmen wir uns dem L und seinen modularen Schenkellängen.

Bespielhaft "be-L-en" wir eigene gebaute bauliche Vorgaben und versuchen eine vorurteilsfreie Einstufung der Relaxzonen.

 

Zunächst auf knappen Raum und festgeschriebener Fläche, mit diesbezüglichen Obergrenzen, "gefördert".

 

Man stellt sich die Frage, warum die Städte plötzlich über den Mangel an bezahlbarem Wohnraum klagen müssen? Sind wir doch ein sterbendes Volk, so hört man. Wäre es da nicht ein Leichtes,für die paar übriggebliebenen Lohnsteuerpflichtigen ausreichend Unterkünfte bereit zu stellen? Sind wir quasi tsunamiartig überrollt worden von den z.Zt. in allen Gazetten und Medien kursierenden heuchlerischen Elegien über die klaffende gesellschaftliche Schere?

Welchen Wert besitzen die Statistiken der Bundesämter oder anderer Institutionen und die Zukunftsprognosen der sogenannten Weisen?

Dagegen hatte das Orakel von Delphi eine Treffsicherheit, die später nur noch vom Tell´schen Schuß durch den Apfel übertroffen wurde.

Es kann als menschenverachtend bezeichnet werden, wenn man den Hungernden, Durstigen und Wohnraum Suchenden empfiehlt, dem Hunger, dem Durst und dem fehlenden Dach über dem Kopf mit Eigeninitiative beizukommen. Nach dem Motto und mit der Empfehlung, "wer Hunger hat, der muss in Gottes Namen halt was essen, und wenn er nichts zu essen hat, dann muss er sich halt was kaufen, und wenn ihm am Geld zum Kaufe mangelt, dann muss er halt was arbeiten".

Früher, da war natürlich alles besser, waren Mark und Markt (ist das eigentliche eine Alliteration?) eine verschworene Gemeinschaft. Damals benötigte man noch Gastarbeiter (!), heute beutet man Billiglöhner aus, die vom Erwirtschafteten nichts zu essen kaufen können.

Euro und Markt liest sich irgendwie nicht so flüssig wie Mark und Markt.

 

Wir sollten deshalb Delphis Orakel um Hilfe bitten, damit das Zusammenruckeln von Euro und Markt kein Pyrrhussieg wird.

Die laufenden Anfragen bei den Räten der diversen sogenannten Weisen (z.B. die Wirtschaftsweisen) können guten Gewissens storniert werden.

 

Mensch, verplaudert, auf niedrigem Niveau!

Also zum L [ɛl] zurück, händisch aufbereitet, mit klaffender Schere (keine Angst, das Gelenk arbeitet einwandfrei), Kleber, Stift und Farbe, als anachronistisches Rendering quasi.


1Tatami nordjapanisch Tatami (jap. , traditionell auch , oder ) ist eine Matte aus Reisstroh, die in Japan als Fußboden in Washitsu (traditionell gestalteten Zimmern) verwendet wird. In der Nacht wird der Futon auf den Tatami ausgebreitet, um als Schlafstätte zu dienen.

Aufgrund ihrer empfindlichen Oberflächenbeschaffenheit werden Tatami nur mit Socken oder barfuß betreten. aus Wikipedia


Krünerstrasse München-Sendling, am Westpark, FRR Architekten

 

Wie man unschwer erkennen kann, war hier weder ein(e) EinrichtungsberaterIn noch ein(e) InnenarchitektIn involviert.

Luxuriös und üppig ist die Sitzlandschaft, gar keine Frage.

Es gelten die anerkannten Regeln der Partizipation und fortgeschriebene These von Joseph Beuys: "Jeder Mensch ist ein (Künstler) Architekt. Dass die Wohnung zu klein ist für die Sitzgruppe, dafür können wir doch nichts"!

Eigentlich eine richtige Bemerkung!

Aber dass die Sitzgruppe zu groß ist für die Wohnung, dafür...? Bequem aber ist sie allemal, so die Legende.

Leider kann der geförderte Wohnungsbau mit dem reichhaltigen Platzangebot des Luxuswohnens nicht konkurrieren.

Das Leben ist ungerecht, der "Geförderte" ist eben kein primus inter pares!

Die ästhetische (Sitz-)Landschaft ist grundsätzlich nicht von Nöten, vorallem wenn sich die "Geförderten" in der geografischen Landschaft platziert haben, wie hier in der Krünerstrasse.

 

Vielleicht ist es aber ein besonderes Erlebnis, mit dem Tablett über die Sitzlandschaft zu klettern, um der Essgruppe näher zu kommen, wer weiß?

 

Sitzlandschaften, Sitzen im allgemeinen hat bei der Wahl des "falschen(?!)" Sitzmöbels oft wirbelsäulendeformierende Wirkung.

Nicht alles was en vogue oder musthaveartig ist erfüllt die Kriterien der eigentlichen Aufgabenstellung des Sitzmöbels.

Oder es fordert sogenanntes diszipliniertes Sitzen und stärkt dann erzieherisch die rückseitige Muskulatur.

Meine vor exakt 30 Jahren erworbene 2-sitzige, mit beweglicher Rückenlehne und ausstellbarem Fußteil ausgestattete schwarz gelederte "Veranda" von Vico Magistretti konnte sich bei den potentiellen NutzernInnen und somit auch beim Hersteller Cassina nicht wirklich empfehlen. Ihre Produktion wurde eingestellt.

Die heutigen E-Bay-Preise entsprechen in keinster Weise dem damals getätigten, vom Mund abgesparten Investitionsvolumen. Irgendwie passen meine Körperhebel auch nicht zu denen der "Veranda".

Man könnte sagen, es handelt sich um eine Fehlinvestition.

Aber genau deshalb ist sie mir so ans Herz gewachsen, auch wenn sich meine Wirbelsäule nie an sie gewöhnen wird. Es lebe die Hassliebe.

Ich liebe Fehlinvestitionen mit ihrem anarchischen Charme, besonders dann, wenn sie nach meinem laienhaften Verständnis schön aussehen.

Der Vergleich mit einem H-Schild versehenen Fahrzeug, das alle 150km ein 1-stündiges Wartungsintervall benötigt, drängt sich drängend auf.

Aber, mit ihren Aussenmaßen von 175 x 75cm (Länge x Breite im unausgefahrenen Zustand) würde sie, die Veranda, in der Krünerstrasse den nötigen Freiraum für die Restmöblierung im Wohnbereich schaffen.


Zuccalistrasse München-Nymphenburg, FRR Architekten


Die Sitzlandschaften im links dargestellten Objekt sind zufällig platziert. Wir haben keine oder wenig Kenntnisse über die reale Ausstattung der ungew(o)öhnlichen Raumsituationen.

Der Vorteil für die Verortung der 5x3m Sitzlandschaft hier ist das üppige Flächenangebot. Soviel Platz muss sein, um den entschleunigend wirkenden cuba libre mit auf dem L aufgelegten und ausgestreckten Beinen aufs Versehen in das graue selbige versickern zu lassen (war es nicht eben ein tropfendes Gläschen Barolo?). "Rom oder Havanna, Hauptsache Italien" (Andi Möller1).

Es ist hier also genügend Platz für die Super Nova der Sitzkultur.

Nicht ausgeschlossen ist, dass das sich myzelartig ausbreitende Phänomen der Sitzlandschaft supernovagleich sehr bald gleissend aufleuchtet, um sich dann am Ende seiner kurzen Lebenszeit durch eine Explosion in ein schwarzes Loch zu verwandeln.

Ich bin der Überzeugung, dass dieses Möbel nur von kurzer Halbwertzeit begleitet wird.

Vielleicht ist der Anlass der Auszug der Kinder aus der Super Nova Galaxie.

Dann wird Platz für neue Investitionen im schwarzen Loch. Vielleicht kommen dafür dann 10 antiquarische harte Shakerstühle zum Einsatz und leisten einen fundamentalen Beitrag zum disziplinierten Sitzen.


1Andi Möller, “Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien”, 1992 bevor er zu Juventus Turin wechselte

 

V.M. 20031220fra
V.M. 20031220fra

Der Fotoausschnitt von Vico Magistretti´s "Veranda", die mir den Platz für Shakerstühle wegnimmt, hat nach der Bearbeitung mit Windows Paint eine Farbe wie ein Brennessel Grünrüssel oder auch Phyllobius pomacceus erhalten.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen.


Fast vergessen:

Die Sitzlandschaft in L-Form als Super Nova während der Explosion.

Aufnahme und Quelle : http://www.mpa-garching.mpg.de/mpa/institute/news archives/news1005 janka/fig3.jpg
Aufnahme und Quelle : http://www.mpa-garching.mpg.de/mpa/institute/news archives/news1005 janka/fig3.jpg

 

 

 

Heinz Franke

Franke Rössel Rieger Architekten

05.06.2013