FRANKE RÖSSEL RIEGER

A R C H I T E K T E N

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Vom Innen zum Außen des Wohnens

 


bon appétit 20091017fra
bon appétit 20091017fra

Welch gustiöse Menues wurden an diesem Ort kreiert, ohne Zuhilfenahme der Mikrowelle.

Durch den Verfasser dieser Zeilen selbst.

 Vor "offener" Installation an einem Ort mit knapper Höhe und noch knapperer Fläche.

 Das Kochen als Mini- malprojekt, anarchisch und archaisch.

"Sous la baguette de la baguette!"

 

Auch Fernand Léger hatte sich vor vielen Jahrzehnten ein paar Jahre an gleichem Ort mit noch weniger Technik vermutlich einst ein 3-Gänge-Baguette "gekocht". Seiner Kunst und seinen Kunst-fälschungen hat es ganz und gar nicht geschadet, wie wir den profunden Aussagen der Kunsthistoriker entnehmen können.

 

Zitat1

..."J.B. Gibt es in diesem architektonischen Raum noch eine Möglichkeit für den Architekten, sich als solchen einzigartig erscheinen zu lassen?

J.N. Meistens gibt es keine Architekten mehr in dem Sinne, in dem man sie normalerweise versteht, es gibt Ingenieure, die wirksam einige Normen aufrecht erhalten. Und diese Normen stehen in Verbindung mit gewissen humanistischen oder die Verhaltensforschung betreffenden Entscheidungen. ... Aber wieder einmal ist überhaupt keine Überlegung zum Wohnvergnügen gemacht worden. Und es sind nicht die in der *Entwicklung* begriffenen Länder, die die strengsten Normen haben! Oft findet man in den ärmsten Städten spontane Akte des Geschaffenen, die sich als herrliche Akte der Architektur betrachten lassen, selbst wenn sie aus Wellblech oder aus Enden von Stofffetzen bestehen. Da kann sich dann eine Poetik abzeichnen, die eher in die Kategorie eines Schaffens fällt, während man in anderen Fällen anfängt, weit davon entfernt zu sein... ."...

Da ist der Kopf vom Nagel perfekt getroffen!

Ohne urheberrechtliche Belange zu berühren sei es erlaubt, selbst schon einmal gesagtes noch einmal zu wiederholen.

"Klein ist wunderbar" hieß der in der SZ vom 16.04.2010 veröffentlichte Urtext "Es-Pace" vom Schreiber dieser Zeilen.

 

Zitat2

"Es-Pace

 

Allegorische Darstellung des Wohnraums als "befreiende Beschränkung" in Form eines sich selbst in Ketten legenden Menschen, dessen Ketten sich zu Flügeln auswachsen.


1Jean Baudrillard, Jean Nouvel Einzigartige Objekte Architektur und Philosophie, © Passagen Verlag Wien,

deutsche Ausgabe 2004, Seiten 82-83, ISBN 3-85165-589-3

Titel der Originalausgabe Les objects singuliers, architecture et philosophie, © Calmann-Levy 2000

2Heinz Franke, Es-Pace, 20100405, Veröffentlichung SZ 20100416, Titel "Klein ist wunderbar"

jump into the urban space 20091005fra
jump into the urban space 20091005fra

Die Schaffung von Wohnraum ist ein

chirurgischer Vorgang: Er entsteht

durch Schneisenschlagung, Begrenzungen,

die ein hier und dort schaffen, ein

Innen und Außen, mit den Wänden als

eine selektive Aufnahmen ermöglichende

Membran.

Für den einzelnen ist er als Rückzugs-

ort zentral und liegt doch-und sollte

es auch in objektivierter Sicht-immer

am Rande des Ganzen.

Der ideale Wohnraum ist der, der seinen

Bewohnern durch die von ihm ausgehende

Beschränkung befreit, als solcher dabei

in Vergessenheit gerät, zentrale

Peripherie ist, einen Zustand blinder

Nacktheit erlaubt.

Ein solcher Raum ist: schamlos gut.

Der Zugriff von Dritten auf das Innere wird gefiltert, das Äußere hingegen ist frei erlebbar. Wie Feinripp oder Haute Couture, mit Handschrift und Vision, modisch oder zeitlos, überbordend oder sachlich, präzise jedenfalls, und dafür gibt es Regularien. Man nennt sie Gestaltsqualitäten.

---

Ich wähle die "Privatisierung" des öffentlichen Raums, z.B. den Stadtraum als Balkon, das Café als Küche, den Waschsalon als kommunikativer Hauswirtschafts- und Hygieneort, die Parkbank als Eames´scher Lounge Chair...

Man muss sich für weniger entscheiden, um verändern zu können!"

 

Ende eigenes Zitat.

 

Das ist der Stoff, aus dem Minimalprojekte zu schaffen sind. Sozu-sagen als entschleunigte Produktion von Gütern zur Deckung von Grundbedürfnissen unter Verzicht auf "EsistalleskeinProblem".

Richtig müsste es heißen: Alles ist nicht kein Problem , aber vieles ist eben schon ein Problem!

 

Unser Minimalprojekt beschäftigt sich mit dem Mangel von Wohnraum.

Mit dem Mangel von bezahlbarem Wohnraum, wenn auch "nur" zur Miete.

Die Verantwortlichen verweisen beim Thema Wohnen auf ihre erreichten Erfolge, statistisch belegt, nach Quantität im Zeitraum X. Die Verantwortlichen verweisen beim Thema Wohnen nicht auf ihre Misserfolge, nach Quantität im Zeitraum X.

Für den Mangel an bezahlbarem Wohnraum sind sie nicht verantwort-lich, die Verantwortlichen. Sie ducken sich beim Unterqueren des Balkens der Last, stoßen sich beim Aufrichten aber trotzdem am Überhang des Mangels das löchrige Hirn an.

 

Wie steht im Grundgesetz der Bundesrepublik geschrieben:

 

"Artikel 13

(1) Die Wohnung ist unverletzlich.

...

(7) Eingriffe und Beschränkungen dürfen im übrigen nur zur Abwehr einer gemeinen Gefahr oder einer Lebensgefahr für einzelne Personen, auf Grund eines Gesetzes auch zur Verhütung dringender Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere zur Behebung der Raumnot, zur Bekämpfung von Seuchengefahr oder zum Schutze gefährdeter Jugendlicher vorgenommen werden."

Um den Artikel 13 (1) in Anwendung zu bringen ist es unverzichtbar, eine menschenwürdige bezahlbare Wohnung bewohnen zu können. Von der immer gern zitierten Regelung durch die sogenannten "Freien Märkte" kann in Artikel 13 (7) -Eingriffe und Beschränkungen..., s.o.- keine Rede sein. Die Märkte haben leider versagt, sonst gäbe es den Mangel an bezahlbarem und hochwasser-sicherem Wohnraum in der ach so reichen(?) Bundesrepublik Deutschland ja nicht. Da der Verfasser dieser Zeilen nicht der Kaste der Verantwortlichen und Verabredeten angehörig ist, sei ihm erlaubt, "einfaches" Denken für sich in Anspruch zu nehmen.

Allein die dadurch ausgelösten Tiraden der "Besserwisser" klingen allerdings schon in seinen Ohren.

 

Minimal ist per definitionem kein minderwertig besetzter Begriff, auch nicht in unserer Zeit, vor allem nicht in der Architektur.

Dies gilt sowohl für den kostengünstigen Wohnungsbau, als auch für die Welt der designorientierten hochpreisigen Immobilien.

Das eint die beiden Schenkel der sogenannten auseinander klaffenden Schere. Dies ist das verbindende Gelenk der beiden unterschiedlichen Seiten ein und desselben Schneidewerkzeugs.

Ein Unterschied aber ist real existent, und zwar im Portfolio der jeweiligen Angebote für inneres und äußeres Erscheinungsbild, bei Lage und Ort, bei Preis und Wert.

Prinzipiell stellt ein Unterschied keinen Mangel dar, ganz im Gegensatz zu z.B. geschmäcklerischem Einheitsbrei.

Es gibt eben unterschiedliche Qualitäten zu gleichen Anforderungsprofilen. Dies impliziert nicht unbedingt die Einstufung in besser oder schlechter. Vielmehr ist der Anspruch an Gebrauchswert, Qualität, Dauerhaftigkeit und Wertbeständigkeit gleichermaßen für alle Wohnhüllen die Conditio sine qua non.

 

Wie sind derartige Beiträge zu entwickeln und abzusichern, wie können unverzichtbare Synergien gesellschaftliche Akzeptanz finden? So wie die scheinbar selbstverständliche unkomplizierte Begegnung unterschiedlicher Partizipienten im Öffentlichen Raum!

Standkonzert für Jedermann 20091014fra
Standkonzert für Jedermann 20091014fra

Interesse am Gegenüber ist das alle(s) verbindende Element: das Zuhören und manchmal auch das Schweigen.

Die Musik hat das Sagen. "Hier spielt die Musik" und niemand hat etwas dagegen. Schön!

"Reden = Schweigen + Silber = Gold".

"Reden + Silber = Schweigen + Gold".

 

Minimal bedeutet auch reduzieren, als Stichwort für Verzicht und Ersatz.

Ersetzen wir Etwas durch Nichts, dann können wir uns alles besser merken. Und die Vergesslichkeit wird chancenlos; es gibt keine schwarzen Löcher mehr, Alles ist Nichts geworden.

 

Aus dem Leben gegriffen, ein Gespräch:

"Schatz, wo hab ich denn mein Collier hingelegt?"

"Ins Pfandleihhaus, Schatz".

Welch Glückspilze, denen diese Gnade zu Teil wurde. Immer weg mit dem irdischen Tand.

"Schatz, das war doch dein Hochzeitsgeschenk".

"Stimmt, aber wir sind seit 2 Jahren geschieden, da macht doch ein Hochzeitsgeschenk nicht mehr viel Sinn, Schatz".

 

Man braucht

 

gute Räume und gutes Licht,

Kalt- (und Warm-?)Wasser,

WC mit Brauch-Wasser-Spülung, vielleicht,

Gefühl fürs Notwendigste,

Grün wäre schön,

nicht unbedingt einen Balkon,

keine Inseln (Koch- und Bade-),

interessante Nachbarn,

nicht zu dichte Fenster wegen Schimmelgefahr,

Gebrauchswert wäre wichtig,

und einen einigermaßen fair bezahlten Job,

 

zunächst mal...

 

Minimales Entwerfen und Gestalten ist unabhängig vom Kapitalein-satz. Im einen Fall mit dem Anspruch, sogenanntem "reduzierten Design" einen adäquaten Reinraum zu bieten, cool, clean, kubischer und/oder parametrischer Natur, im momentan angesagten style, stylisch. Der Weg zu einem derartigen Ergebnis und das Ergebnis selbst üben Zwang aus. Nämlich den Zwang der Unterwerfung, möchte man dieser Community zugehörig sein, und den Zwang des dazu schier unbegrenzt notwendigen Einsatzes von Kapital.

 

Vilém Flusser1 schreibt: "...Wenn ich mich beim Gestalten eines Entwurfs entschließe, dafür Antwort zu stehen, dann betone ich in dem von mir entworfenen Gebrauchsgegenstand das Intersubjektive und nicht das Objektive. Und je mehr ich beim Gestalten meines Entwurfs die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand richte (je verantwortungsloser ich gestalte), desto mehr wird mein Gegenstand meine Nachfolger behindern, und der Spielraum der Freiheit in der Kultur wird schrumpfen..."

 

Das Gestaltete wird also zum Hindernis, zur Bürde, "der Verteidi-gungsfall ist eingetreten" und trennt, macht einen Unterschied.

Dies ist jedoch a priori nicht zwingend kritisch zu sehen.

Im anderen Fall sollten die Gebrauchsgegenstände nicht selbst im Mittelpunkt stehen und damit einer Kultur neben sich Platz bieten können, also kein Hindernis darstellen. Die Gebrauchsgegenstände werden mehr zwischenmenschliche Verbindungen sein, Kultur mit (etwas mehr) Freiheit, so Vilém Flusser weiter, sinngemäß.

 

Böse Zungen behaupten, dass die sich zu Hochkulturzentren entwickelten Städte mittlerweile wieder die Rückwärtsbewegung eingeschlagen haben.

Völlig humorlos, uniform, ja unmenschlich seien sie geworden. Grundlage dafür wären u.a. unsoziale, ausschließlich Kapital orientierte Entwicklungen; deshalb wohl auch der plötzliche Aufschrei nach "bezahlbarem Wohnraum", zur Miete oder zum Kauf.

Die ersten mir bekannten Warnungen dazu entstammen den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im letzten Jahrtausend.

Eines der vielen personifizierten Warndreiecke war z.B. Alexander Mitscherlich (Die Unwirtlichkeit unserer Städte..., 1965), übrigens einer Münchner großbürgerlichen(!) Familie entsprungen.

 

Wir wollen uns die Freiheit herausnehmen uns zu beschränken, uns also gewissermaßen gestalterischer Unfreiheit zu unterwerfen um uns damit im Umkehrschluss den zwischenmenschlichen Verbindungen zu zuwenden und die Hindernisse auf ein Mindestmaß zu beschränken.

Wie aus dieser Ambition ein Bauplan entwickelt werden kann, das ist die Frage.

Vielleicht werden die Fragen einem Versuch unterworfen und dürfen Fragen bleiben. Prototypisches Vorgehen soll die Maxime sein, gezwungenermaßen. Würde man die knackigen Antworten auf diese Fragen schon kennen und realisiert haben, wäre die Zwischenlösung für ein gesteigertes Angebot zur Behebung des Wohnraummangels schon in Angriff genommen.


1Vilém Flusser Vom Stand der Dinge, eine kleine Philosophie des Design, © Steidl Verlag, Göttingen 1993, 1997

Design: Hindernis zum Abräumen von Hindernissen, Seiten 40-43, ISBN 3-88243-249-7

Links wäre noch Platz für Wohn-

raum, beispielsweise.

Bisher ist die Fläche nur für

einen geerdeten Balkon in Anspruch genommen. Die Aussicht

ist natürlich mehr als begehrt und für jedermann erreichbar! Mit dem Schiff von Prien, welches das einzige Hindernis darstellt.

 

Pflanzen verbrauchen einen Teil

der Sonneneinstrahlung als Energie für ihre Lebensprozesse

(Aloys Bernatzky).

Menschen auch!

 

 

 

 

geerdeter Balkon 20110811fra