FRANKE RÖSSEL RIEGER

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Selbst-Gespräch (unvollendet)

 

Über Eitelkeiten zu resümieren bringt einen keinen Schritt weiter; sich auf die sogenannte Wahrheit oder die Erkenntnis zu verlassen heißt, Erstarrung zu wählen.

Stattdessen unterliegt alles und jede/r ein Leben lang der Erosion der Gefühle und Gedanken. Es kommt Neues hinzu, über Vergangenes hat sich Unschärfe und Verklärung ausgebreitet oder alles ist in Vergessenheit geraten.

 

Denjenigen, die sich so sicher sind in Wort, Schrift und Bild, ist mit größter Skepsis zu begegnen.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Ich ziehe die Fragesteller grundsätzlich diesen unfehlbaren Antwortgebern vor.

 

Ein Problem besteht darin, dass man -ist man unfreiwillig selbst der Antwortgeber- präjudiziert wird, obschon man lieber Fragesteller wäre.

Antworten sind oft umschlungen von bürokratischen, unmoralischen, statistischen, quantitativ und qualitativ definierten Fesseln. Gleich einem aufgequollenen Körper, der von einem scheinbar stabilisierenden, 100-fach geschnürten Korsett in geltende, weil zeitgeistige Ästhetik gefesselt wird.

 

Wie nähert man sich den Aufgabenstellungen und ihren Zwischenlösungen also sinnvoll an, mit Ideen und Planungen, Materialitäten und Gebrauchsqualitäten, ohne dabei von Hämatomen -verursacht durch die viel zu eng geschnürte Rüstung- verunstaltet zu werden?

Warum wollen ErSieEs eigentlich nicht von Grundsätzlichem, Vorgegebenem, in Richtlinien Geschmiedetem „dashabenwirschonimmersogemacht“ begehrt werden?

Warum muss entschuldigend erklärt werden, dass offenes und versuchsweises Weiterdenken und -fühlen dem Festgeschriebenen den erwarteten Respekt und die eingeforderte Anerkennung allzu gern verweigern möchte?

 

Manch ein Projekt-Protagonist fühlt sich zu unrecht kritisiert bzw. beim Beharren auf frischer Tat ertappt durch die vitalen und visionären Fortschreiber. Die als störend empfundene artikulierte Unzufriedenheit der vertraglich gebundenen Antwortgeber, die viel lieber Fragesteller wären, mit dem Erreichten, verkürzt vielleicht das Schrittmaß, führt aber dennoch unausweichbar in höhere Höhen oder tiefere Tiefen, je nach Betrachtungswinkel.

 

Im Konkreten geht es beim allmorgendlichen Rasierspiegel-Selbst-Gespräch immer wieder um das Eingeständnis, den alten Bart wieder einmal -wenn überhaupt- nur gestutzt und nicht entfernt zu haben.

 

 

 

Siehe dazu

Honoré de Balzac: La Comédie Humaine

Thomas Bernhard: Der Untergeher

 

Auguste Rodin / Honoré de Balzac 20091002fra
Auguste Rodin / Honoré de Balzac 20091002fra