FRANKE RÖSSEL RIEGER

A R C H I T E K T E N

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20151209fra
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Le Séjour et le Retour

 

Im Moment fährt der TGV an Bernhard Tschumis Parc de la Villette vorbei, so „will_ett“ der Streckenplan.

Am Bahnhofsvorplatz hat mich vor einer Stunde ein Banlieue´ler höflichst angesprochen, obwohl er mit Drogen zu war bis unter die geligen Kurzhaar-Spitzen.

Jetzt sitze ich im Zug. Fensterplatz und Einzelsitz, 1.Klasse, keine Banlieue.

Exakt in meiner Sitzreihe auf dem „Zweierle“ auf der anderen Seite des Gangs sitzen die beiden Schwaben (eine Schwäbin und ein Schwabe), die auch auf der Hinfahrt exakt meiner Reihe angehörten. Und gerade werden sie kontrolliert, die Fahrkarten, es sind gar keine Schwaben höre ich. Sie haben nämlich vor bis Ingolstadt zu fahren. Also Schwaben aus Ingolstadt? So klein ist die Welt. Man trifft sich immer mehrmals im Leben.

 

Er, der Herr Schwabe hat auf der Hinfahrt die ganze Zeit Musik aus seinem Smartphone raus gezuzelt und vermutlich überflüssige Mitteilungen getippt, während die Schwäbin genervt, gereizt und traurig mit ihren brandneuen roten Adidas-Schühchen still und starr wie ein ruhender See daneben saß.

Heute, sechs Tage später trägt sie wieder die unverändert makellosen Adidasse, mit sauberem weißen Sohlenrand. Immerhin spricht sie diesmal hin und wieder erwartungsvoll mit ihrem Reisegefährten. Allerdings so leise, dass man meinen könnte, ein Mäuserl …

Am Smartphon vom „Herrn Schwabe“ baumelt ein rosanes Etwas, es soll wohl ein Tier sein, so wie er selbst, der runde Racker.

Ich werde die Vermutung nicht los, dass er die Adidaslerin in der Stadt der Liebe diverse Male in den Orbit geschossen hat. Ein bisschen macht sie den Eindruck, als wäre sie in den letzten Tagen vom Glück übermannt worden.

 

Was auf dem Hinweg die letzte beeindruckende Tat des Zugführers war, steht jetzt am Anfang, kurz nachdem wir La Villette hinter uns gelassen haben.

Er gibt seinen 12.000 Pferdchen die Peitsche, was dazu führt, dass das TGVle im Moment knapp an die 320 kmh rennt.

Das wird sich nach der Grenze (!) in Deutschland dann wieder ändern, da wird gemächlicher gereist.

 

Kulinarischer Unterbruch, das Essen kommt!

Dazu Wasser und Bier, „das rat´ ich mir“.

 

Zwischenspiel (Übertrag aus Moleskine)

Nach dem Essen bin ich dann doch im Begriff vor Müdigkeit zusammen zu klappen.

Für meinen geschundenen Körper war es dann doch ein bißchen viel in den letzten Tagen, vielleicht.

Lieber Frank (*12.Dezember 1915), ich muss Dich leicht korrigieren: „It was a very bad Year“ for me.

„ ...I think of my life as vintage wine...“ der umgekippt ist und dessen Korken bissig riecht.

 

Was für ein starker Abgang der Sonne um 17:07!

 

Richtig gut verstehen kann man das Gelaber nicht, aber im Heck des Wagons, der bei der Ankunft in München später der Erste nach dem Triebwagen sein wird, sitzen zwei unerträgliche Schlauberger, Businessmen vermute ich.

In kräftiger Lautstärke werden Pläne erstellt, die Erfolge von Paris sortiert, alles im Laptop platziert, die Zukunft geplant und die angeblich unterirdisch dummen französischen Geschäftspartner mal eben ans Kreuz genagelt.

 

Die zufällig zusammengewürfelte Combo der Mitreisenden, gäbe es jetzt noch einen Mord, wäre ein perfektes Drehbuch für einen grenzübergreifenden Tatort aus Paris und Stuttgart. Ich würde dann zur Aufklärung des Falles den deutschen Hercule Poirot spielen wollen.

Wir erinnern uns an das Schwabenduo von vorhin. Wenn die Schwäbin gerade unpässlich sein sollte, was hat der Schwabe dann eigentlich? Nichts ist zu vermuten, ein schwarzes Loch vielleicht.

Ich hätte nicht gedacht, dass ein kompletter männlicher Mensch nur aus einem Arsch bestehen und damit überleben kann. Lehrer scheinen es keine zu sein, hoffentlich, die armen Kinder.

Obwohl, der TGV ab Ulm oder besser ab Stuttgart ist auf der Hinfahrt meistens randvoll mit schwäbischen Französisch-Lehrerinnen und -Lehrern. Auf der Rückfahrt werden sie dort wieder ausgespien. Sie stecken in Brax-Cordhosen und schützen ihren Oberkörper mit Jack Wolfskin Windstoppern gegen Nässe und Kälte (Dezember!), das Nötigste ist fein säuberlich zusammengelegt in Deuter Backpacks verstaut. „Haben die Schwäbischen“ gerade Ferien oder handelt es sich um Vor-Ruheständler und Ständlerinnen?

 

In zwanzig Minuten schlagen wir in Strasbourg auf, da wird der TGV auf die Hälfte gestutzt, die Franzosen haben ihre Fahrt beendet und müssen dort in Regionalzüge umsteigen, die sie in entgegen gesetzter Richtung an ihre Ziele in Metz oder Bar le Duc bringen. Es gibt für den TGV keine Stops zwischen Paris und Strasbourg. Kein Karlsruhe, Stuttgart, Ulm und Augsburg wie in unseren Landen.

Jetzt habe ich es erkannt: das Tier, welches am Smartphone des Schwaben - der kein Lehrer ist und noch bis Ingolstadt weiter fährt (Audihändler oder -mitarbeiter?) und mit seiner Reise-Partenerin wie auf dem Hinweg so gut wie gar nicht spricht – baumelt, das Tier ist ein abgegriffenes Schweinchen, so wie der Schwabe auch.

Der ist aber eher ein Schwein, das konnte man an seinem Verhalten und an seinem Gesicht erkennen.

 

Jetzt erstmal Pause mit den Geschichten aus dem Geisterzug, der der „Black Pearl“ aus „Pirates of the Caribbean“ und ihrer Besatzung, den Untoten, nicht wenig ähnelt.

 

Toiletten in Zügen haben ihr Eigenleben, in mehrfachem Sinn.

Nach ungefähr zwei Stunden Fahrt ähneln sie den wenigen „Dixies“ in überfüllten Flüchtlingslagern. Damen und die breit strahlenden Herren sollten unbedingt getrennte Entsorgungsstätten erhalten. Furchtbare Zustände stellen sich ein. Man bedient die Toilettenspülung und andere Armaturen mit dem Ellenbogen oder der Schuhspitze, ist man nicht im Besitz eines Fläschchens Desinfektionsgels. Ich habe vorgesorgt und sogar dünne Latex-Einmalhandschuhe für den Ernstfall im Gepäck.

Die Fahrtrichtung von Paris nach München (vorwärts nach Stuttgart und rückwärts nach München, oder umgekehrt, ja nach Sitzplatz) ändert nichts am Zustand der Toiletten. Dies ist aber keine spezifische Eigenheit des TGV´s.

Eine Idee wäre es, das WC nach jedem Gebrauch sich selbst reinigen zu lassen. So wie die Orte der Erlösung im Pariser Straßenraum, gratis natürlich. Schließlich befinden wir uns in der 1. Klasse.

Davon träumt der Banlieue´ler vom Gare de L´Est nur.

 

Ich möchte keine Pullover mit Löchern in den Ellenbogen und gezogenen Fäden im Bauchbereich mehr tragen. Ce n`est pas ma tasse de thé!

 

Der Gare de l`Est ist trotz heftiger Polizei- und Militärpräsenz dagegen schon immer von

banlieue´lern durchzogen.

Das Gespräch mit einem Hoffnungslosen, einem in die Ecke oder an den Rand Getriebenen war unergiebig, sowohl für ihn als auch für mich. Ich begriff nicht was er wollte, darauf hat er mir mit ein paar Beschimpfungen zu verstehen gegeben, dass er verstanden hat, dass ich nichts verstanden habe, mir dann höflich alles Schlechte und trotzdem (?) einen schönen Tag gewünscht und das nächste Opfer gesucht. Bei den Banlieue`lern haben die Franzosen respektive die Pariser so ziemlich alles verschlafen, was man verschlafen kann.

Die Vorstädter werden wieder aufstehen, ist zu vermuten. Man wird sie mit Gewalt erst in die Enge und dann wieder zurück treiben in ihre Vorstadtlöcher und so werden sich die Ereignisse und Geschehnisse wiederholen. Es ist keine Lösung in Sicht und kein Ende abzusehen, leider.

Der Getriebene hat mir höflich zu verstehen gegeben, dass ich ein geldiges saturiertes Ignorantenschwein bin und nichts mit ihm teilen will, wo er es doch wirklich nötig hätte.

Vielleicht hat er recht gehabt, trotzdem war ich sehr betroffen. „Aber ich doch nicht...?“

 

Es sei die Bemerkung erlaubt, dass ein Münchener Bierschädel ihm bei der Aufarbeitung und Verbesserung seiner erbärmlichen Lebenssituation persönlich leider nicht helfen kann.

Aber seine Anklage hat mich angespitzt.

Dieser französische und Pariser Bürger ist fremd in seiner eigenen Stadt. Da hat etwas nicht geklappt.

Paris ist vermögend in dem einen oder anderen Bezirk, sehr vermögend sogar. Gegen diesen Reichtum werden sich die Banlieue`ler wieder erheben,dann werden den Croque-Monsieurs und Croque-Madames, also den „Croques“ wieder die gut gepflegten Ärsche wackeln. Dann wird Marine Le Pen eine Ansprache im TV halten, und die Croques werden ihren Vorschlägen folgen, um ihre eigene Sicherheit und ihren Wohlstand zu sichern, so wie es Croques in anderen Ländern eben auch machen. Dies ist kein ausschließlich französisches Phänomen.

 

In München wohnt man unter „Friends“ gern im „Friends“ mit Blick auf die Alpen, ab der 10. Etage, manchmal auch im „The Seven“ oder sonstwo, wo man unter sich ist.

Ist doch logisch dass, wenn man weit oben ist und kein Gegenüber hat, sich der Egoismus und die eigene Weitsicht, fälschlicherweise manchmal auch Vision genannt, zu schützen weiß.

In „weit oben“ sind aber auch schon Flieger rein geflogen, wir erinnern uns mit Schaudern. Und das skurrile daran ist, das einige von „weit oben“ die Flieger haben kommen sehen und sich dabei dachten, ... .

Manche sind fliegerlos „weit oben“ geschmolzen und verbrannt, so wie Ikarus. Der war Selbst-Flieger und Opfer in einer Person.

 

Ich war in Paris diesmal nicht „weit oben“, obwohl ich völlig angstfrei gewesen bin.

Nein, ich musste diesmal wieder nicht auf den Eiffelturm. Das wäre auch gar nicht gegangen, glaube ich. Das Eiffelturmpersonal streikt noch seit Bataclane.

Diverse Sicherheitmaßnahmen auf den Strassen und Plätzen, vor den Konsumtempeln und Einkaufsparadiesen prägen den Alltag.

Anders als unsere Freiheitsliebenden es wären sind die Pariser, glaube ich, ganz froh, dass viele Argusaugen unterwegs sind. Die Argusaugen sind zuvorkommend und höflich, das sind sie wirklich.

Die Argusaugen kontrollieren auch Omas und Opas, die ihre Taschen und Tüten freiwillig weit aufreissen und froh sind, dass man sich endlich mal auch für sie interessiert. Man sollte das, was sich den Argusaugen eröffnet, zumindest fotografieren wenn nicht sogar filmen.

Sozusagen als eine sehr spezifische Dokumentation der menschlichen Existenz. Oft sind ja nur die Taschen und Tüten selbst und nicht deren Inhalte sehr aussagekräftig. Ein Variété dessen, was man so mit sich trägt an Lust und Leid. Kennt man das „Packerl des anderen, dann lernt man sich kennen".

Und das alles, wo doch gerade die Franzosen mit zu den Erfindern der Freiheit gehören: „Liberté Égalité Fraternité“.

Gerade in diesem Moment bin ich in der Zukunft angekommen, zeitreiseartig.

Das Stück heißt „Stuttgart 21“.

Blicke ich in Fahrtrichtung nach rechts aus dem Zugfenster, „dann läsä ich“ LB-BW und das rote S der Stadtsparkasse.

 

Um 19:25 geht’s jetzt für mich, wie schon angekündigt, rückwärts weiter.

Ich werde das gute alte Bayern gegen 20:30 quasi mit einer "Arschbombe" betreten.

 

Jetzt freue ich mich wieder einmal auf:

Ernest Hemingway + PARIS. A MOVEABLE FEAST

 

Heinz Franke

11.12.2015

kein guter Text, aber ehrlich!