FRANKE RÖSSEL RIEGER

A R C H I T E K T E N

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Stenogramm 72 Auszug

 

Jede Erzählung und jeder Bericht besteht aus Folgen und Reihen

 

dies ist das Stenogramm vom Freitag, den 13.10.1972

es beginnt an einer x-beliebigen aber realen Stelle und ist mehr

als lückenhaft

z.B. werden menschliche und zwischenmenschliche Bedürfnisse ausgeblendet

am meisten ist zwischen den Zeilen zu lesen

soviel gäb es zu berichten

vielleicht schreib ich auch mal ein Buch

 

1972 ging schon gut los

am 23.01. wurde erstmals die Sendung mit der Maus ausgestrahlt

die Regierung unter Führung von Willy Brandt beschloss am 28.01.1972 den Radikalenerlass

da brannte die Hütte

Kritiker waren u.a. Alfred Grosser, François Mitterand, Jean Paul Sartre, Helmut Schmidt, Herbert der Wehner

die Dümmsten waren das nicht

auch Kriegsdienstverweigerer litten darunter

5. Kolonne von Moskau genannt

 

seit 04.02.1972 flog die Aeroflot nach Frankfurt am Main

 

4:00 morgens am 13.10.1972

der Himmel über München ist noch schwarzblau

angetrunken irgendwie zu Hause angekommen

zu Fuß durch den Altstadtring-Tunnel

kein Auto weit und breit

keine Überwachungskamera weit und breit (?)

um 7:00 morgens ist die Nacht vorbei

die Strassenpizzaecke für 2 dm aus dem nächtlichen La Bohème liegt fett und noch unverdaut im Magen

kein Puccini zu sehen

die Bohème befindet sich in Lethargie bis 12:00

Frühstück fällt aus wie jeden Tag

die Schule wegen Krankheit auch

für mich

zu meiner Ehrenrettung nicht jeden Tag

es macht aber keinen Sinn sich unausgeschlafen und unvorbereitet einer Prüfung zu stellen

denn wenn ich in die Schule gehe werde ich geprüft

eben weil ich selten gehe

die Lehrer stürzen sich dann wie die Aasgeier auf mich

 

seit 11 Tagen volljährig kann ich Entschuldigungen selbst schreiben

wegen Krankheit konnte ich den Unterricht leider nicht besuchen“

 

gegen 10:00 steht Kartenspiel beim Z. auf meinem Stundenplan

wir werden das Schaf köpfen

Fingerübungen sollen gut fürs Geige spielen sein und umgekehrt

mit dem Rangierer und 2 Klassenkameraden am Tisch

Zehnerl Fuffzgerl

ganz schön üppig für Werkstudenten

der Lokführer hat seiner Gattin den Obststand am Stachus schon um 4:00 morgens aufbereitet

da bin ich gerade zu Hause angekommen

jetzt genießt er eine kurze Pause vor dem Rangieren am HBF

die 2 Klassenkameraden haben jetzt große Pause in der Schule

so wie ich sie auch hätte wäre ich in der Schule

heute habe ich aber wegen der Krankheit eine ganztägig große Pause

die Schule würde um 12.55 enden

 

nach dem Schafkopf gegen 14:00 gibt es Mittagessen im Elternhaus

heute wartet ausnahmsweise mein Vater mit dem Mittagessen

Koteletts mit Kartoffelbrei

wie war´s in der Schule

schmeckt´s

die väterliche Frage wie es in der Schule war wird eher tänzelnd beantwortet

das Mahl lobe ich etwas verlogen

 

eigentlich bin ich satt vom Kartenbier

das Fleisch lag 2 Stunden in der Pfanne

ist schwarz wie ein Brikett und richtig kross

still und starr ruht der Brei in der Schüssel

alles liegt nun im Magen auf der mittlerweile mäßig verdauten Pizza von Giaccomo Puccini`s La Bohème

 

gerade geht mir (das kühle?) Ostern durch den Kopf

oder war´s Pfingsten

im Vorgarten blühten die Krokusse zur Freude der Amseln

ganz besonders schmecken ihnen wohl die lila Blüten

ich kenne die eine oder andere Amsel persönlich beim Namen

 

der Esstisch ist festlich gedeckt mit feinstem Porzellan

Arzberg mit graugoldenem Rand

das Silber ist aufgedeckt und die edlen Servietten zwängen sich durch ovale Silberringe mit Gravur

 

Tellerfleisch

die Gurke fein gehobelt in Sahne mit Dill

Sonntagskonzert im Bayerischen Rundfunk

mit Böhme Fassbender Köth Schock und Töpper zum Mahl

es war 12:00

 

die frage ist ob ich eher Joey oder Carl sein möchte

oder gar Henry Miller selbst

der der nichts anbrennen ließ

außer vielleicht Fleisch in der Pfanne

die Antwort wird gegen 21:30 im Kino gegeben

es wird jetzt höchste Zeit sich zu erholen

um 19:00 laufen die Vorbereitungen für eine neue Nacht von M + H

den Unzertrennlichen

mit ihren Faninnen

wir nehmen gratis die Öffentlichen bis Giselastraße

aufwärmen im Drugstore mit Bier und Korn und Quiet Days in Clichy

und mit Joey Carl und Henry

ich bin übrigens ich geblieben und habe mich nicht verwandelt

ich will und muss ich bleiben

 

weiß nicht mehr genau wann aber so gegen 23:00 geht es aufgewärmt die 28 steilen Treppenstufen in das Kellergewölbe hinunter

bekannte Gesichter sind in den Blitzen des Stroboskops sichtbar

man kennt sie von gestern von vorgestern von vorvorgestern von ...

es ist die Zeit der super kurzen Röcke und der super langen Mähnen

Drückeberger und Gammler werden wir genannt

die sogenannte Reaktion ist immer noch präsent

wir gehen auch den Weg durch die Keller-Instanzen

um 0:45 der letzte Korn das letzte Bier

um 1:00 wird hier im Gewölbe geschlossen

beim nach oben Steigen spürt man die Taubheit in den Rock´n Roll Lauschern

 

als sogenannter Werkstudent verdiene ich das benötigte Geld nebenbei mit niederen Diensten selbst

 

weiterziehen dorthin wo die Quellen noch sprudeln

 

immer noch das postolympische Trauma des Attentats am 05.09.1972 in mir

bin froh ein sogenannter „Drückeberger“ zu sein

Parole

Frieden schaffen ohne Waffen

wir und unser palästinensischer Freund landen diesmal im Shalom

hier ist der friedliebende Palästinenser willkommen

interessant wie unser arabischer Freund seine Zigaretten einem Drummer gleich am Rand des Aschenbechers abtrommelt

zum Rauch gibt es seine Grundnahrungsmittel Salzstangen und Bier

sehr bald geht er nach Damaskus zurück der Wehrdienst ruft

 

ich befürchte ich werde ihn nie wiedersehen

 

es ist sehr spät geworden und morgen Nachmittag um 15:00 muss ich ausgeschlafener Psychologe für die Freundin meines Freundes M sein

im hohen Gras im Nymphenburger Park

im hohen Gras bei Fuchs und Has`

er weiß nichts von der Therapie die auf Beziehungsrettung angelegt ist

man muss zuhören können um ein guter Psychotherapeut zu sein

zuhören können ist nie verkehrt

 

morgens um 4:00

angetrunken zu Hause angekommen

wieder zu Fuß durch den Altstadtring-Tunnel

verschnupft

das Gras gestern im Park war feucht und kühl war es auch

das Gras in der Dose dagegen hat trocken überlebt

wie gesagt

es macht keinen Sinn sich erkältet und unausgeschlafen einer Prüfung zu stellen

jetzt volljährig kann ich Entschuldigungen selbst schreiben

 

„...will mal wieder sehen, wie`ne dreckige Stadt aussieht“

sagt Rudi Dutschke der Doktorand

hab `s im Spiegel ge(sehen)lesen

 

ich will´s auch mal wieder sehen und werde mein Glück im Paris von Claude Chabrol versuchen

dort haben die Busse Balkone am Heck

München ist sehr sauber, vielleicht zu sauber

im Zuge der Olympiade ist bei uns eine U-Bahn entstanden

die Pariser Metro und ihre Historie ist mir lieber

meine Psychotherapie im Gras hat immerhin aufschiebende Wirkung gehabt

 

der Wirt im Keller heißt Waldi was nichts zur Sache tut

das olympische Maskottchen heißt auch Waldi und ist in Otl Aicher Farben bemalt

beim Keller-Waldi gibt es keine aufschiebende Wirkung

auf jedes Duo folgt ein Duo

so kommt im Laufe des Abends ein ganzes Orchester zusammen

Bier und Korn hau`n uns nach vorn

 

ich dachte damals nie drüber nach was einmal aus mir werden soll

 

Schlaghosen und Spitzkragenemden mit üppigem Muster haben das verhindert

das Haar lang und offen

so wie die Vor-bilder und Abziehbilder

 

was liegt an am kommenden Sonntag

vielleicht eine Fahrt mit der S-Bahn nach Pasing

erste Klasse

Raucherabteil

es wird Zigarillos geben mit würzigem Geschmack und durchdringendem Geruch

wir werden Knobelbecher tragen

poliert

aber gebraucht erstanden

 

meine Eltern denken schon darüber nach was aus mir werden soll

sie machen sich berechtigte Sorgen

und wünschen sich dass ich kräftig Geige übe

Musiker zu werden ist der Traum meiner Mutter

welche Mutter wünscht sich schon dass ihr Sohn Musiker wird

für sie aber ist es ein anständiger Beruf ohne Risiko

ich spiele angeblich nicht schlecht auf der Holzkiste so das Urteil der kostspieligen Privatlehrer

ein sehr talentierter musikalischer Bub

mit klassischer Ausbildung

ich mag den Geiger von The Flock namens Jerry Goodman

und versuche ihn nachzuäffen

das werden mir Bohuslav Martinů und Georg Philipp Telemann Bach und Händel wahrscheinlich nie verzeihen

 

meine hochdekorierte Geigenlehrerin findet irgendwie Gefallen an Goodman

mit der Zeit...

ihr Lehrer war Wolfgang Eduard Schneiderhahn der Virtuose

und sein Lehrer wiederum war Otakar Ševčik

 

 

ich bin kein Musiker geworden

trotz dem Lehrer des Lehrers der Lehrerin

as time goes by

im Moment steht das Bemühen

ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden

im Vordergrund

ich leiste als 1973 anerkannter KdV meinen Zivildienst ab

ohne Waffen

 

stellen Sie sich vor, Sie sind im Wald mit Ihrer Freundin, und Sie werden von Bbewaffneten Russen überfallen

was machen Sie fragt das Gremium vor der Fahne unserer Republik

 

Gammler von mir aus

Drückeberger nein

und immer frisch geduscht für Deutschland

 

 

notiert in den 90ern fra

 

 

 

Negativ 1972/1958
Negativ 1972/1958