FRANKE RÖSSEL RIEGER

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Auf nach Wien.

 

Ich habe alle Kraft zusammen genommen, mich aufgerafft und bin ins Reich der Caféhäuser und Würstlstände gefahren.

Oft erlag ich der Stadt der Wehmut bisher noch nicht, leider, aber dafür regelmäßig in größeren Abständen.

Jede Woche kommt dafür der Wiener „Falter“ zu mir geflogen und ich lese in ihm über Wien. So bin ich doch oft dort gewesen.

 

Kurz nach dem Ankommen gab es diesmal Puccinis Tosca in der Wiener Staatsoper zur Einstimmung.

Ob diese Aufführung auch für die Münchner Ohren gut genug gewesen wäre, akustisch betrachtet?

Großartig ist sie gewesen diese Aufführung, war mein Eindruck.

Angenehm konservativ inszeniert, mit einem herausragend guten Gesangsensemble gespickt, einem Randy Newman artigen Maestro in großer Form und einem sehr inspirierten Orchester.

 

Beim Beurteilen von Musik zehre ich halt noch immer von meinen musikalisch geprägten frühen Jahren, bilde ich mir ein.

Der Lehrer meiner Lehrerin war Wolfgang Eduard Schneiderhan, ein genialer Wiener Violinvirtuose.

Ich bin Laiengeiger geblieben, trotz mancher Mühe.

Wien war also schon früh angelegt in meiner Jugendzeit! Do schau her Oida, immerhin.

 

Wien war, ist und bleibt Wien.

Am 3. Tag brannte mir die Messing-Waage am Burgring schon die Zahl 90 in meine Iris. 90 Kilo, geschnürt und gespornt und mehrschichtig gekleidet zwar, aber Besorgnis machte sich trotzdem breit.

Supperln, Schnitzerln und Buchte(r)ln usw. hatten die Kleidung zum Bersten gespannt. Aber schwarz macht angeblich schlank, Gott sei Dank.

Die Speisen wurden immer sorgfältig goutiert, mit Muße gekaut, begleitet von und aufgelöst in Kremser Riesling, einem der offenen Hausweine, davon mehrere „Ochterln“ nacheinander.

Blad bin i worn!

 

Am 100-Wasser sind die Farben ausgewaschen und streifig geworden. Sehr charmant!

Chinesische Touristen stehen mit erhobenen Händen über den Köpfen davor, wie soeben Ertappte, die sich eines Vergehens schuldig gemacht haben.

Wie in einem Wiener Western, „Hands up“.

Sie erstellen jedoch lediglich digitale Erinnerungen.

Mir würden die Arme wehtun, den ganzen Tag Hands up, meist auch noch im Laufschritt.

Paris wartet schon auf sie, anschließend London, Barcelona und Rom.

Wir hatten sie nach ihren weiteren Reisezielen befragt, mein mich umsorgender Sohn und ich. Europa in fünf Tagen, pro Tag eintausend digitale Bilder war die Antwort.

 

Wien ist wie ein Baum.

Die dicken und dünnen Äste aus der k. und k. Zeit leben noch.

Ich habe mir auch diesmal vorgenommen, meine letzten Tage in Steinhof zu verbringen, befürchte aber, dass mir dies nicht gelingen wird. Man müsste eingewiesen werden.

Sigmund Freud kann mir leider keine Expertise mehr erstellen, er ist seit langer Zeit schon im Himmel über Wien. Und unter Sigmund will ich es nicht machen.

Das Leben spielt eben wie es spielt. „Hod ma aan Schmäh im Leb´n, dann stirbts sies schpäda leichter.“

 

Immerhin ist mir Herr Manfred im Café Museum begegnet.

Herr Manfred, der das silberne Serviertablett balanciert wie ein „Schlangenmensch“, mit schwarzem Mascherl am blütenweißen Hemdkragen; Herr Manfred, der sich quasi wellenartig ins zu kleine schwarze Holz-Kisterl zwängen könnte.

Ober in Wiener Caféhäusern sind beratende Institutionen, in allen Lebensbereichen geschult. Hat man ihr Vertrauen, ihre Diskretion und ihre Zuneigung gewonnen, ist die Einsamkeit besiegt, sofern man dies möchte.

Bei nur einem klaanen Mokka, zehn Glaserl Wasser und der freien Lektüre aktueller Gazetten, die in einem Holzstaberl eingeklemmt sind. So hat man übrigens zwangsweise immer die kompletten Seiten im Blick.

Herrn Manfreds Bewegungen sind wie großartigstes Varieté wie aus dem guten alten Ronacher, damals, als man während der Vorstellung noch rauchen durfte.

 

Den ganzen Tag begleitete mich die körpereigene Gänsehaut und der Geruch der vielfältigen Angebote der Würstlstände. Die Größe des Grillgutes ist nichts für Kalorienbewusste.

 

Ja es gibt sie die Wiener Wehmut. Auch außerhalb des Zentralfriedhofs.

Ersatzweise fiel die Wahl diesmal auf den Friedhof in Hietzing.

Das Looshaus am Michaelerplatz z.B. hat sich gut gehalten, sehr gut sogar, überwiegend jedenfalls. Ich finde, es wird von der Schwarmintelligenz der Touristen ein bisserl übersehen, wo es bei Loos doch erst so richtig loos geht in Wien.

 

Die dunklen Fassaden der Gemeindebauten mit ihren roten Aufschriften sollten uns Vorbild sein für die Mangelverwaltung der großen Wohnungsnot in der sogenannten nördlichsten Stadt Italiens bzw. für einen erfolgreichen Kampf dagegen. 200.000 gemeindliche Wohneinheiten gibt es in Wien.

Überzuckert mit neuen modernen Dachaufbauten sind die historischen geschützten Mietdenkmäler.

Wir mittlerweile haltungslosen Norditaliener und unser Magistrat hinken auch da hinterher, labernd, blind und taub wie so oft, schade.

 

Angekommen und abgefahren sind wir am neuen Wiener Hauptbahnhof.

Die Reisezeit München – Wien und retour beträgt um die 4 Stunden im Roten Railjet der ÖBB.

Keine falschen ästhetischen Ambitionen spielen hier den Walzer.

Uff da da, uff da da, aans zwaa, dräi..., sowohl im Zug, als auch am Wiener Hauptbahnhof.

Mir graut vor unserem neuen Monster-Bahnhof und seiner garantierten Kostenexplosion. München 21 halt.

Bis er fertig ist, bin ich wahrscheinlich schon gestorben. Ich empfinde dies als Gnade. Man muss im Leben nicht alles gesehen haben und nicht überall gewesen sein.

 

Meine Geschmacksnerven, meine Augen, die Ohren nicht zu vergessen, und ich, wir haben Wien genossen, uneingeschränkt, mit Neugier und in gemächlicher Geschwindigkeit. Die Sprache steht einem ja nahe, das erleichtert vieles.

 

In meinen Erinnerungen schlängelt sich Herr Manfred noch immer um mich herum. Servieren eines Großen Mokkas kann ganz großes Theater sein.

Und dabei muss ich immer an die großartige Pluhar und den sehr verehrten Sprachkünstler Heller denken.

 

Mein geliebtes Paris hat neue alte Konkurrenz bekommen. Das ist schön.

Die chinesischen Touris sind dabei nicht meine Vorbilder. Laufschritt und Hands apps sind mir viel zu anstrengend.

 

Dank an meinen lieben Sohn für seine Begleitung und Betreuung.

 

 

Wien, 13.10.2016 mit 17.10.2016, fra