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J.P. Gaultier HypoKultur 20160105fra
J.P. Gaultier HypoKultur 20160105fra

 

 

 

Indianer. Oder Karl May war auch nie in Amerika

 

Oben auf dem Plateau leben die Indianer. Sie leben nicht allein. Sondern zusammen mit ihren Vorfahren. Zeit spielt kaum eine Rolle. Nur die Touren für die Touristen gehen stündlich ab.

 

Immer wieder landen Trucks von Dodge und Chevrolet auf dem Plateau. Am Steuer sitzen dicke Indianerinnen und dicke Indianer. Sie haben sich in der Mall neues Coke geholt. Ansonsten leben sie wie früher, zusammen mit ihren Ahnen, mit denen sie den Weißen und den Spaniern verziehen haben. Nicht, weil die Weißen oder die Spanier einen Fehler oder eine Schuld eingestanden hätten, sondern weil die Indianer und die Weißen und Spanier in unterschiedlichen Welten leben, die sich nur manchmal kreuzen, wie zum Beispiel unten in der Mall.

 

Um sich zu verstehen, sind sie einander zu fremd. Und während sich die Weißen und die Spanier nicht mit der Fremdheit auseinandergesetzt haben, weil sie andere Probleme hatten, wie Geld verdienen oder Krisen bewältigen, haben die Indianer die unüberwindbare Differenz verstanden. Sie leben oben, die Anderen unten. Und das haben sie so sein lassen. Und dann haben sie es sein lassen, das mit der Feindschaft, die sowieso nicht von ihnen ausging. Kontraexistenz, ohne Kontra zu geben, sondern das Kontra stehen lassen wie ein Plateau in der Wüste.


Sein lassen. Es ist ja doch nichts zu ändern ohne Gewalt. Und Gewalt wollen sie nicht. Sie fügen sich, ohne sich zu beugen.

 

Der indianische Busfahrer holt die Touristen pünktlich ab, die auf die nächste Tour durch das Pueblo warten. Denn der Fahrer weiß, dass Touristen am allerwenigsten Zeit haben. Indianer kennen keine Zeit und haben deshalb überhaupt kein Problem, pünktlich zu sein. Pünktlich sein zu müssen ist für sie keine Begrenzung. Es ist eine Verabredung. Und daran halten sich die Indianer.

 

Weil die Indianer keine Zeit haben beziehungsweise ganz viel davon, können sie sich auch mit ihren Ahnen verabreden. Ich glaube, dass wir das nicht können, weil wir immer denken, zweihundert Jahre zu spät zu sein. Aber für die Indianer ist es nie zu spät. Wenn sie den Weißen und den Spaniern verzeihen, dann dem Spanier und dem Weißen, der ihren Vorfahren erschlagen hat. Es ist schon ein großer Vorteil, wenn es keine Erbschuld gibt. Bei den Indianern verjährt nichts. Und deshalb können die Indianer von heute zusammen mit ihren Ahnen unsren Vorfahren verzeihen.

 

 

Eigentlich kenne ich die Indianer viel zu wenig, um zu wissen, ob das alles stimmt, was ich da sage. Aber ich glaube, dass es nicht unwahrscheinlich ist. Karl May war auch nie in Amerika.

 

 

Christopher A. Franke

Fortaleza, Brasil

20160418 CAF