FRANKE RÖSSEL RIEGER

A R C H I T E K T E N

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M E R K wür dI g k e I t en

oder 3 Kapitel in Schwarz-Rot-Gold

 

 

Manchmal ist die Merkwürdigkeit zumindest in eigenen Gedanken so etwas wie die Erlösung von dem Übel (ohne Amen).

Aufgemerkt, das Merkwürdige ist merkwürdig aus Sicht der Merkwürdigen, der merkwürgigen Betrachter_innen.

 

 

Früher wohnten mir gegenüber luftig auf ähnlicher Höhe zwei Ältere, die - wenn die Sonne das Wetter wohlig warm erwärmte – ihre beider Unterarmpaare bei geöffnetem Fenster auf bestickte Kissen genussvoll und bequem verteilten. Wie jeden Tag bei Wärme und geöffneten Fenstern, wir grüßten uns dann freundlich lächelnd, und das nicht nur aus nachbarschaftlicher Höflichkeit, obwohl wir uns nur aus Kurz-Gesprächen über die trennende Straße in luftiger Höhe kannten.

Große Sympathie war zu verspüren und der beiderseits unausformulierte Wunsch, „man möge sich doch unten auf der Straße einmal begegnen“.

 

Dies mag nun um die 30 Jahre zurück erinnert ein letztes Mal so gewesen sein; wir sind geblieben, sie wechselten den Ort.

Die damals Älteren könnten mittlerweile verstorben sein, so wie auch ich mittlerweile verstorben sein könnte.

Damals, vor ungefähr dreißig Jahren, herrschte ungezähmtes Gewinke wenn sie meine kleinen Söhne im Fenster stehen sahen, selbstredend im Geschlossenen!

 

Das interne Kosewort der beiden Älteren war „Hasi“, gegenseitig.

Sie liebten sich noch immer wie einst in ihrem Mai und hoppelten über die stacheligen Felder unserer Stadt. Wir winkten hinunter, wenn wir sie dabei erwischten, und sie winkten herauf, wenn sie uns beim Erwischen erwischten.

 

 

Der Kleber des neuen Bodenbelags ist noch nicht abgetrocknet und sein immanentes Leinöl duftet noch immer ökologisch rein. Was Wunder, dass es der Alfons Sch. noch nicht für seine Küche entdeckt hat.

Schon werden vom gegenüberliegenden Materiallager für selbsternannte Alleskönner die plastifizierten Parkettimitationen in Karawanen antransportiert, KopfanArschanKopfanArschan..., wie bei einer Karawane.

Früher hieß der zu durchquerende Weg „Seidenstraße“, jetzt wurde er in „Bodensee Straße“ umbenannt.

Aus den früheren edlen Kamelen sind dumpfbackige Zweibeiner geworden. Geschmacklose, sich selbst überschätzende, nach Gemütlichkeit flehende Leminge unserer hochgelobten Wohlstandsgesellschaft.

Wenn sonst nichts mehr geht, verleg´ich mir Plastik-Parkeht“ ist die Losung.

Über Geschmack lässt sich leider nicht streiten, entweder man hat Geschmack – oder man hat keinen Geschmack.

Zur Belohnung – nach dem anstrengenden Transport - gönnen sich die menschlichen Kamele einen Kaffee-Togo und ein Schinken- oder Käsesemmerl aus dem Backshop, der ebenfalls jenseits der Seidenstrasse liegenden Tankstelle.

 

Als ich vor einigen wenigen Stunden im Münchner Verkehrsfunk von den Karawanen erfuhr, zitterten Hände und Haupt vor Wut, meine Magensäure stieg in großer Menge auf, wohl um diese unerträgliche Nachricht besser verdauen zu können. Die Säure presste sich durch meine geschlossenen Lippen, tropfte an mir entlang nach unten auf den Boden und verätzte das auch bei mir gerade frisch verlegte Leinöl geschwängerte Linoleum.

Der Anführer der Karawane ist, wie ich in Erfahrung bringen konnte, ein MVV-Chauffeur einer weißblauen siemensianischen Niederflur-Straßenbahn in unserer Stadt.

Man bewahre mich davor, mit ihm dereinst als Vorderstem zufällig in die gleiche Richtung fahren zu müssen.

Ich wehre mich nämlich gegen Dilettantismus, Geschmacksverirrung und mindere Qualität, was mir allerdings allzu selten gelingt.

Do it yourself sollte auf die Lust an der Lust beschränkt bleiben, wenn schon d i y .

Gestern am 3. Advent flackerte in manchem Haushalt die dritte Kerze, zusammen mit den Kerzen 1 + 2. Frage: sind die Rauchmelder bei Ihnen eigentlich schon montiert?

 

Ich empfinde Grausen beim Betrachten der Laminatkarawanen.

Die Seidenstraße hat ausgedient, die Kamele auch.

Nicht das Laminat ist pervers, sondern die Person, die freiwillig darauf herumläuft“. So ähnlich sprach Rosa von Praunheim schon im Jahre 1971.

Fast hätt´ich F... gesagt. Aber ich habe nicht FUCK gesagt,

 

 

Und so endet ein weiteres Jahr in Resignation, wie so manches Jahr zuvor. Ich zweifle doch sehr an Bürgerbeteiligungen, Expertenbefragungen und Sachverständigenwissen. Ein bißchen Demut, Respekt und Grundwissen sollte schon vorhanden sein, um qualitätsvoll mitschnabeln zu können.

 

Es bleibt nicht mehr soviel Zeit, das zu tun, was ich tun will.

Dazu brauche ich keinen Spaß, dazu brauche ich kein Geld, dazu brauche ich nicht einmal die klobale Welt.

Dazu brauche ich nicht das, was ich getan habe, dazu brauche ich das, was ich versäumt habe. Das Motto heißt: Vorwärts geht es nur, wenn es manchmal auch rückwärts geht. Wenn es glatt ist, dann sollte man mit dem zweiten Gang anfahren, davor eventuell einen Meter zurücksetzen. Dann dreht nichts durch, auch nicht das fünfte Rad am Wagen.

 

Ich werde über meine Zeiten selbst verfügen,

ich werde mich nicht mehr verschämt belügen,

ich werde meine Angst besiegen.

So ist mein Plan für nächstes Jahr,

ich hoffe, dieser Wunsch wird wahr.

 

Die Geschichte von Hasi und Hasi wird mich leiten, so will es sein.

Übrigens, das Jesuskind hatte Glück, es lag nicht in einer Krippe aus Plastikholz, es war gebettet auf Stroh und war zufrieden.

 

M E R K wür gI g