FRANKE RÖSSEL RIEGER

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Gedanken zur Freiheit

 

In den frühen 80ern ging Otl Aicher, der Grafiker und Universalist durch die, oder besser in der Wüste.

Ja, wie kann jemand wie ich über Eindrücke aus der Wüste berichten, der diese Zone der Erde selbst nie durchquert hat?

In Gedanken, sozusagen visionär, unterstützt durch fotografische Dokumente in dem spannenden und beeindruckenden Buch und Reisebericht von Aicher, „Gehen in der Wüste“, kann soetwas stattfinden.

Und dabei ist es möglich, Hitze und Kälte, Sand und Wind zu spüren, die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit zu erahnen, ganz traditionell, ohne die Macht virtueller, computergestützer Mechanismen.

Das Buch über den Grenzgang menschlicher Abenteuerlust von Otl Aicher, dessen jüngstem Sohn Manuel und dem Münchner Architekten Eberhard Stauß ist eher ein zufälliges Produkt. Man ging nicht durch die Wüste, um ein Buch zu schreiben, man schrieb ein Buch, um den Wüstengang zu dokumentieren.

Die Fülle der Eindrücke, Erlebnisse, Vorbereitungen und strategischen Maßnahmen sind diesem Reisebericht zu Grunde gelegt und fesseln einen so, daß – hätte man den nötigen Mut, die erforderliche Ausdauer und das nötige Wissen – der nächste Urlaub zwangsläufig in diese Region der Erde geplant werden müßte, zum Erforschen des eigenen Grenzbereiches und zur Schulung von Geist und Sinnen.

 

Otl Aicher ist Universalist, Grafiker, Erfinder der Piktogramme, wichtiger Mitgestalter der Olympischen Spiele in München. Diese Spiele sind untrennbar mit seinem Namen verbunden.

Namen wie Braun, Lufthansa, ZDF haben ihr Erscheinungsbild Aicher zu verdanken. Gleichermaßen war er aber auch Philosoph, Berater und Mahner für die Schicksale längst untergegangener oder gefährdeter Kulturen, kreativer Diskutant für Politik und Wissenschaft, vor allem aber ein zurückgezogen lebender, neugieriger, vielfältig begabter Autodidakt.

 

Eine seiner vielen Erkenntnisse ist, daß Vernunft – der Begriff der Aufklärung – Vernunft allein nur ein Ziel menschlichen Seins ist, und hauptsächlich in den Disziplinen der Naturwissenschaften begründet ist.

 

Am Ende des Aufklärungszeitalters aber schon gewann man die Erkenntnis, daß Denken nicht nur mit Logik zu tun hat, sondern vor allem auch mit Sehen.

... Ich sehe, also denke ich. Ich denke, also bin ich ...

 

Verdeutlichen wir uns folgende Begriffe: Einsicht, Nachsicht, Weitsicht, Vorsicht;

Anschauung, Weltanschauung, Weltbild;

Einblick, Ausblick.

„Mannfrau“ macht sich ein Bild, „Mannfrau“ bildet sich, „Mannfrau“ bildet sich eine Meinung.

Dies u.a. sind menschliche Werte, sie helfen Begriffe wie Ehre, Moral, Menschenwürde und Freiheit zu erklären.

Bei aller Gefahr der Sinnestäuschung, Sinne nehmen wahr, und dies hat etwas mit Wahrheit zu tun.

 

Unsere heutige Zeit scheint dies nicht immer so zu verstehen. Obwohl die Medienwelt viel mit Visuellem bestückt ist, man könnte auch sagen mit Reizüberflutung, versuchen wir diese Prozesse unseres Gehirns, die Reize, bewußt in Denkprozesse umzuwandeln und die Wahrnehmung zu steuern, ständig zu disziplinieren und zu maßregeln.

Jede Einsicht, jede Anschauung, jedes Bild bedarf neben der – immer subjektiven – Wahrnehmung heutzutage des Beweises.

Das Vertrauen in Gesehenes, Gehörtes, Gefühltes sinkt, wir sichern uns ab und versichern uns und unser Leben, damit nichts passieren kann.

 

Diese Sicherheit, die Beweispflicht für „richtig und/oder falsch“ ist nicht Gesetz der Wüste.

Wüste ist dagegen: Hitze und Kälte, Sand und Sonne, Oase und Wasser, Nomade und Zelt,

Karawane und Fata Morgana, Unendlichkeit, Besinnung, 1000undeinenacht,

... und Zeit, ... viel Zeit.

Die Zeit scheint die Kraft des Windes zu sein, der unaufhörlich und nimmermüde der Baumeister der Sandmeere, der Dünen ist.

Nur weniges bestimmt den Bau der Düne: Sand, Wind, die Schwerkraft.

Ein Material, der Sand, minimalistischer geht es nicht.

Ein Energieträger, der Wind, die unerschöpfliche Kraft.

 

Und trotzdem diese Vielfalt der Wüste, immer stimmig, einfach schön, manchmal unbarmherzig, trotz oder gerade wegen der Reduktion aufs Wesentliche oder Verzicht aufs Unnütze.

 

 

Keine Kritik an der Düne, so wie sie ist, so ist sie richtig.

Sie bewegt sich und verändert sich mit dem Wind, es gibt keinen Endzustand, kein Ziel, man muß sie nicht verstehen und beweisen.

 

Wie Politik und Wissenschaft, Kunst und Kultur, wie das Leben, Dünen werden ständig fort geschrieben, wir sollten sie für unser Denken zum Vorbild nehmen.

Die Wüste also ein idealer Ort, um Sehen und Begreifen zu lernen, um Kräfte zu spüren, die einen langen Atem haben und Kontinuität, die langsam aber stetig verändert, mit gleichbleibender Qualität.

Aber auch Bedrohung geht von ihr aus, die Bedrohung allen Lebens, der Sand deckt schweigend seinen Mantel darüber.

 

Ist die Wüste nicht irgendwie ein von Gott geschaffenes Bild der Geschichte der Menschheit?

Kann man in ihr die Spuren von Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Glauben, Gewalt, Vernichtung, Irrtum, Zweifel und Enttäuschung suchen, finden und verstehen?

Welcher dieser Lebens- und Zerstörungszustände ist uns der Gewichtigste, welchen gilt es zu hegen und bewahren, welcher ist der Ursprung welches Nachfolgenden, wo findet sich welcher Menschheitstraum am reinsten wieder, von wem geht aber auch die größte Bedrohung für den Menschen aus, welcher vereint in sich gleichermaßen Gutes und Böses ?

 

Die Verantwortlichen der jeweiligen Staaten und Staatengemeinschaften dieser Erde, also auch und vor allem die Politiker, haben Freiheit und sein Komplementäres, nämlich die Unfreiheit und Knechtschaft, in der Vergangenheit, der Gegenwart – wir warten auf die Zukunft – immer ganz wesentlich mit gestaltet.

Zum Wohl oder Unwohl ihrer Untertanen und BürgerInnen, mit guten oder bösen Absichten, auf Erkenntnis hoffend oder Unverständnis beklagen müssend.

 

Ein Mindestmaß an Bibelkenntnis könnte z.B. ein wesentlicher Aspekt sein, das Wesen der Freiheit zu verstehen, ebenso ihre Grenzen, die – wenn überschritten – Unfreiheit zur Folge haben.

 

Nimmt man sich nicht all zu oft die „Freiheit“ heraus, Kriege zu führen, Menschen zu unterdrücken, auf Kosten der Freiheit anderer zu leben, das große Glück wahrer Freiheit nur sich selbst zu gönnen?

 

Johannes-Evangelium, 8,32

... Die wahre Freiheit ... „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Euch frei machen“.

 

Der Irrtum ist das Risiko der Freiheit, so Kardinal König.

Irrtum oder Irren ist menschlich, aber zu korrigieren.

 

Sollten wir nicht demütig Nachsicht üben, nimmermüde Verständnis zeigen, anderen die Freiheit geben, ihren Irrtum einzusehen, mit Geduld und Nächstenliebe Hilfestellung zur Umkehr, zum Umdenken geben?

 

Johannes-Evangelium, 12,47

... Der Unglaube des Volkes ... „ Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Welt richte, sondern daß ich die Welt rette“.

 

Bewahren wir uns und andere also vor den Schrecken heraufziehender Kriege, suchen wir den Dialog, nicht den gewaltsamen Konflikt.

Nehmen wir uns die Freiheit, durch die Wüste zu gehen, so wie es Otl Aicher vorgemacht hat, aber die Wüste wird sich ihre Freiheit nehmen, uns mit ihrer eigenen Natur und Bestimmung zu konfrontieren.

Nehmen wir uns die Freiheit, die Gesetze der Wüste zu akzeptieren. Der scheinbar unwirtliche Lebensraum der Wüste ist voller Leben und Schönheit, er kann den Menschen Ort des Glückes sein. Ob er es ist, das liegt am Menschen, nicht an der Wüste.

 

Mensch und Natur haben sich aufeinander eingelassen und existieren hier miteinander.

Wir können davon nur lernen, von ihrer Not und ihrem Glück, von ihrer Angst und ihrem Mut.

 

Amen

 

 

 

Predigt vom 10.12.2002 fra