FRANKE RÖSSEL RIEGER

A R C H I T E K T E N

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20130315fra
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Das Reinheitsgebot des Brauens und Bauens

oder "...es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen..."

(Karl Valentin)

 

 

Seit fast 500 Jahren herrscht in Bayern ein nativer Ehrencodex.

Nämlich der, der(wo) das Bier betrifft, welches aus lediglich 4 Ingredenzien besteht oder bestehen sollte: aus Hopfen und Malz (Gott erhalt`s) sowie aus Hefe und Wasser.

Hoffentlich abgefüllt und gelagert in "oachanen" Banzen und Hirschen, getrunken aus steinernen Keferlohern - wegen der Kühle des "bayerischen Mannas" (Manna: biblisches Himmelsbrot)oder aus gläsernen Maßkrügen - wegen der besseren Sicht auf den würzigen, hoffentlich gut eingeschenkten Nährstoff.

Eher dunkel war das Gebräu in frühen Zeiten des gehaltvollen

Grundnahrungsmittels.

4er oder 6er Pferdegespanne zogen die Bierkutschen, denen Rösser mit Namen wie Wastl, Resi, Gustl und Traudl vorgespannt waren, und die die vom täglichen Haustrunk geschwängerten Bierkutscher auf ein durch das Getränk gelöstes Zungenschnalzen hin sicher durch die Stadt transportierten.

Die gute alte Zeit wird sie heute genannt. Die Zeit der einfachen Mahlzeiten und des einfachen Getränks.

Damals wurde "Einfach" gewohnt, meist auf knappem Raum, in zugegeben nicht den besten Wohnverhältnissen, außer der Familienvorstand war ein Kommerzienrat oder ein Advokat oder noch etwas Höheres.

Dann wohnte er mit seiner Entourage in den um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. entstandenen, so gar nicht nach "bayerischem Lokalkolorit" schielenden herrschaftlichen Wohnbauten. Und das auf gar nicht knappem Raum. Also dort, wo das ehemalige, immer noch großartige und bourgeoise Ambiente in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend mit freistehenden Badewannen und Kochinseln auf möglichst altem "Fischgrät-Parkett" zum Luxuswohnen ergänzt wurde.

Der belgisch-flämische Architekt Henry van de Velde (1863 - 1957),

neudeutsch ein sogenannter "Stararchitekt", ein ausgewiesener Nicht-Bayer, nahm sein Urteil von 1898 eines in München vorzufindenden "provinziellen Bayerntums" zurück und sprach stattdessen vom "Kunstzentrum München", dem europäische Wertschätzung nicht verweigert werden konnte.

Inmitten der Stadt zum Beispiel, auf dem Gelände des "Alten Botanischen Gartens", stand seit 1853 der filigrane Glasplast, eine Stahl-Glas-Konstruktion nach Londoner Vorbild, der leider im Jahre 1931 einem Brand zum Opfer fiel.

Moderne, international angesehene Architektur, ganz und gar ohne Lokalkolorit.

 

Was hat das Ganze eigentlich mit dem "Neuen Bauen" in Sendling zu tun?

 

Der Nachkriegs-Wohnungsmangel in München ließ in den Jahren 1952 bis 1964 auch entlang der Krünerstrasse im Stadtteil Sendling eine sogenannte Großsiedlung für "einfache" Bürger entstehen; die Münchner GWG (Gemeinnützige Wohnstätten- und Siedlungsgemein-schaft) war der Urheber. An vielem musste in der Nachkriegszeit gespart werden, am heute manchmal schon fast überbewerteten Grün mit seinem Baumbestand auf den unbebauten Zwischenräumen nicht. Platz war vorhanden und die Grundstückspreise moderat.

 

Beides, Wohnungen und Bäume sind beinahe 60 Jahre alt geworden.

Die schlichten, auch aus der Not geborenen Gebäude werden die nächsten Jahre nicht überleben oder haben sie nicht überlebt. Die Substanz ist leider nicht mehr sinnvoll zu sanieren.

Die Bäume schon, die Bäume werden überleben. Und das ohne zu ihrem Schutz in ihnen verankerten Baumschutzaktivisten.

Um die Flora kümmerte und kümmert sich nämlich der ehemalige Investor und heutige Betreiber "höchstpersönlich", also die GWG.

 

Der Startschuss für das aktuelle "Neue Bauen" an diesem Ort in Sendling wurde 2002/2003 mit einem städtebaulichen Rahmenplan gegeben. Verfasser waren Zurmöhle Architekten sowie die Landschaftspfleger und -architekten Teutsch Ritz Rebmann. Inhalte waren in erster Linie der Schutz und der Beibehalt des mit den Jahrzehnten zum Landschaftspark ausgewachsenen Grundstücks, das in seiner Gänze immerhin über 1.700 Wohnungen beherbergt.

 

Nach dem Startschuss kam das Ganze schnell ins Rollen.

Ein Gutachten wurde erstellt durch 7 Architektenteams im Jahr 2003, das die Grundlage bildete für den ersten Bauabschnitt der beabsichtigten kompletten Neubebauung.

2008 wurden die ersten beiden Häuser an der Hinterbärenbad- und Fernpassstrasse (Franke Rössel Rieger Architekten) bezogen, 2009 erfolgte die Übergabe des dritten Gebäudes an die nach Wohnraum lechzende Münchner Bevölkerung Ecke Fernpass-/Krünerstrasse (Blauwerk Architekten), und im Herbst 2012 füllte sich das vorerst letzte fertiggestellte Gebäudepaar an der Krünerstrasse West mit Leben (Franke Rössel Rieger Architekten).

Sollte man die Lust verspüren, im besten Sinne einfachen, qualitätvollen und geförderten Wohnungsbau auf der Besichtigungstour durch München erleben zu wollen, ein Abstecher nach Sendling wäre sicherlich eine Möglichkeit.

 

Die Paukenschlag-Symyphonie von Joseph Haydn könnte Vorbild gewesen sein für das Entwurfskonzept.

In der Regel eher leise Töne, und ab und zu ein Paukenakzent.

Sich wiederholende Melodien helfen überflüssige Kosten zu sparen.

Nicht in der Musik, aber gewisss beim Bauen.

Da erinnert man sich an das gute alte Reinheitsgebot des Brauens und auf seinen Verzicht auf modernistische Zusatz-Geschmacksver-stärker und die Haltbarkeit verlängernde Pülverchen.

Einfachheit, Kompakteinheit und Klarheit hat die Bedürfnisse der Menschen immer noch mehr als gedeckt.

Die Zuckergussaufschrift auf dem Wies´n Herz z.B. hat ja auch nichts mit dem archaischen Geschmack des aus Lebkuchenmasse bestehenden "Wies´nbesucher-Ausweises" zu tun. Richtig schaden tut die süße Aufschrift "Spatzl" oder "Ich hab Dich lieb" zugegebener-maßen aber auch nicht.

Bei unseren Gebäuden wurde jedenfalls auf den designorientierten Zuckerguss verzichtet.

 

Energetisch spricht man beim Projekt von "Plus-Energie-Häusern", was soviel heißt, dass der Primärenergiebedarf nach Energie-Einspar-Verordnung bei 18kWh/m²a liegt, ohne Anrechnung der Gewinne aus der Photovoltaik-Anlage.

Fußbodenheizung in allen Wohnungen, durchgängiger Keramikboden in privaten und öffentlichen Flächen des Gebäudes, Wohnungen in unterschiedlichsten Größen und multiplen Anforderungen, die "Baumhäuser" genannten Balkone gleich einem Hochsitz Ausblick und Schutz bietend, klares neu gestaltetes Grün mit Gebrauchswert zwischen den Gebäuden, in Nachbarschaft zum mit mächtigen Bäumen bestandenen Park und vieles mehr wurde realisiert.

Fast könnte man von Luxuswohnen sprechen. Und das im eng gedeckelten Kostenrahmen des geförderten Wohnungsbaus. Ohne Zusatz-Euro!

Auf Architektur oder Baukultur wurde dennoch nicht verzichtet.

 

Es ist zu erwarten, dass das klare und einfache Erscheinungsbild der Wohnanlage keinen Drang der Veröffentlicher der Architektur-Hochglanzbranche zur Veröffentlichung auslösen wird.

Bodenständigkeit bedeutet eben auch, auf dem Boden zu stehen, ohne Klimmzüge zu vollführen, simpel konstruiert und einladend gestaltet, unspektakulär!

 

Meist scheitert nämlich der Versuch, etwas wirklich Neues zu erfinden kläglich, wenn sich das Alte immer noch bewährt. Jede Veränderung, die keine Verbesserung darstellt, ist nämlich eine Verschlechterung, so die Binsenweisheit.

Und nicht alles bekommt einen Preis, aber alles hat seinen Preis.

 

Warum sollte man über Gebäude diskutieren, die "gerasterten"

Wohnungsbau mit stereotypen Wiederholungen in Grund- und Aufriss, wohl bekannte Fensterkonstruktionen und -formate, keine ornamentalen und/oder skulpturalen Fassadenkonstruktionen, kein Wärmedämmverbundsystem, dafür aber hohe Energieeffizienz und bewährter Gebrauchswert, Verzicht auf parametrische Zeugung und florale Planungsprämissen anbieten?

 

Die unmittelbaren Nachbarn der Bebauung heißen Acer planatoides, Acer campestre, Fraxinus excelsior, Robinia pseudoaccacia, Tilia cordata und so weiter, sind schon weit über 50 Jahre alt, also in einem Alter, in dem man heute oft das Label "schwer vermittelbar" auf die unmodische und unzeitgeistige Stirn unlösbar aufgeklebt bekommt.

 

Diese unmittelbaren grün gefiederten Nachbarn unterliegen dennoch fast unumschränktem Schutz durch die Natur- und BaumexpertenInnen.

 

Merke: Will man also an einem derartigen Ort den real existierenden Wohnungsmangel der Landeshauptstadt abbauen, dann sind gewichtige und übergeordnete Aspekte und ordnungspolitische Bedenken gleichermaßen zu berücksichtigen:

 

Baue, wenn möglich, nur dort, wo bestehende Gebäude den Wuchs der Bäume verhindert haben.

Lasse in diesem Sinne aber die Erneuerung der Gebäude im Zwischenraum der Flora zu, ohne Baumschutz zur Barriere für Neues werden zu lassen.

Erinnere dich an Baumaßnahmen der jüngeren und jüngsten Vergangenheit in München, ohne den Blick nach vorne zu vermeiden.

 

Ist es nicht so, dass im Zuge der XX. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit auf dem kriegsgeschädigten Gelände des ehemaligen Flugplatzes des Münchner Oberwiesenfeldes ein üppiger Landschaftspark mit 3100 neu gepflanzten Großbäumen entstand?

 

Ist es nicht so, dass zugunsten einer störungsfreien und anwohnerschonenden Beschleunigung des privaten Fahrverkehrs am Mittleren Ring im Bereich des Sendlinger Baugrundstücks hunderte von schützenswerten Barriere-Bäumen gefällt wurden und nach Beendigung der Baumaßnahme partiell durch Neupflanzungen ausgeglichen werden?

 

Das ganze Baugrundstück im Strassengeviert Mittlerer Ring, Hinterbärenbadstrasse, Fernpassstrasse und Krünerstrasse mit seinen neuen Gebäuden ist trotz des Baumbestands selbstverständlich barrierefrei gedacht und ohne großflächige Fällmaßnahmen gebaut worden.

 

Es ist dann doch auch etwas Neues, mit dem unverzichtbaren Freisitz in luftiger Höhe, auch Balkon genannt, vom Baukörper weg in die Nähe der Baumwipfel zu rücken. Kein betoniertes, thermisch abgefugtes Schwalbennest an der Fassade, stattdessen ein freistehender Hochsitz mit Rundumblick. Nämlich dann, wenn Sicht- und Sonnenschutz geräfft sind, wie die Segel eines Schoners.

Die Position des Outer Space ist zumindest ein Eldorado für Vogelbeobachter und solche, die es werden wollen.

 

Was brauchen Mann und Frau am Anfang des 3.Jahrtausends außerdem zum Überwintern und Übersommern im trauten Heim?

Günstig ist Fußbodenheizung unter pflegeleichtem Oberbodenbelag.

Warum dann keine Keramik in Holzoptik wie im vorliegenden Fall? Das lässt die Begeisterung der NutzerInnen ins Unermessliche steigen, die Kritik der Architekturweisen ebenfalls.

Und - möglichst geringen Energiebedarf zum Wärmen, Kühlen und Lüften.

Die stromsparende Leuchtdiode mit dem Familienname LED (ligth-emitting diode) hilft für gute Sicht des Nächtens und in düst´ren Zeiten.

Das alles schont jedenfalls das persönliche Portemonnaie, unsere überbelastete Atmosphäre und reduziert den Unterhaltsaufwand

 

Die Augen der Gebäude sind die Fenster, nicht derer zwei wie beim Menschen, sondern viele, gleichsam wie Facettenaugen der Gliederfüßler.

Wie bei vielen Themen zum und über das Bauen gibt es auch zum Thema Fenster mehrere, mindestens aber 2 Meinungen.

Hier outen wir uns als Naturapostel und präferieren den nachwachsenden Rohstoff Holz.

Durchsetzen konnten wir uns damit im vorliegenden Fall allerdings nicht, der Unterhalt ist beim künstlichen Kunststofffenster angeblich vernachlässigbar.

Wir warten auf die Bewährung dieser These in einigen Jahren oder Jahrzehnten.

Schade, Holzfenster hätten vielleicht ein paar Pluspunkte bei den professionellen Architekturkritikern eingebracht; Schwamm drüber.

Gerne würden wir jetzt an dieser Stelle die Aufzählung der harten (?) Fakten durch ein Gespräch mit den NutzernInnen der Wohnungen ergänzen...

 

Auch die Architektur, der Wissenschaft nicht zugehörig, unterliegt wie die Wissenschaft der Bewährungsprobe, nicht dem Beweis.

Der Beweis wäre nämlich sofort zu erbringen, dann aber nur theoretischer Natur und fundamental.

Die Bewährungsprobe kann erst nach längerem intensivem Gebrauch der Wohnungen erbracht werden. Sie ist praktischer Natur und ganz und gar nicht fundamental.

Die Zeit wird es vielleicht zeigen, in 5, 10, 15 oder mehr Jahren, ob und wie die unterschiedlichsten Anforderungen an Architektur und die jeweiligen Wertstellungen ihrem jeweils nachhaltigen Anspruch gerecht werden.

Ganz unbescheiden sind wir gegenwärtig optimistisch, was unser "Neues Altes Sendling" angeht. Die Bewährungsprobe läuft.

Wir hoffen auf ein lebendiges und positives Urteil der nächsten BewohnerInnen-Generationen.

 

 

 

Rück- und Ausblick

 

Das Lieblingsprojekt mit zeitlosem Vorbildcharakter der Geschäftsführung der Münchner GWG ist die großartig gelungene "Münchner Borstei", die in den Jahren 1924 mit 1929 sozusagen auf der grünen Moosacher Wiese entstand.

 

Die intellektuellen Weggefährten der Borst´schen "Borstei" für das damalige Neue Bauen waren z.B. Bruno Taut, Ernst May, Adolf Loos, Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier und anderenVordenker der neuen Wohnqualitäten.

Bei den Projekten der genannten Protagonisten handelt es sich um Beispiele, für die Kenner des "Guten Wohnens" heute noch in endlosen Schlangen anstehen, um vor dem eigenen Lebensende einmal, wenn auch nur für kurze Zeit, darin gewohnt zu haben.

Welcher Baumeister der Jetztzeit würde sich dies nicht für seine Projekte wünschen?

 

Wir sagen jedenfalls Dank an die Landeshauptstadt München mit ihrer schwesterlichen Investorin GWG, im Namen der Bewohner und Bewohnerinnen, der Alten und Jungen, der Starken und Schwachen.

 

Bevor die Flut der Gedanken in gestrecktem Galopp, zu dem Brauereipferde vielleicht imstande aber nicht unbedingt willens sind, die Hindernisse nicht mehr überspringt, sondern ungebremst in den Boden stampft, sollte das Geschirr der geistigen Warmblüter auf jeden Fall nochmals nachgezogen werden. Sein Sitz muss fest sein, um die Hindernisse sicher umsteuern zu können.

 

Und wir sind dankbar, dass wir dabei sein durften.

Heinz Franke Thomas Rössel Heike Rieger Architekten

 

München, Stand 21.03.2013