FRANKE RÖSSEL RIEGER

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l´institut du monde arabe, Paris, Jean Nouvel 20091009fra
l´institut du monde arabe, Paris, Jean Nouvel 20091009fra

 

hoglbuachan ?

 

es kann sein, dass dem verfasser im nachfolgenden hin und wieder die hutschnur am sepplhut mit lautem getöse platzt.

er entschuldigt sich schon im vorfeld ausdrücklich nicht dafür.

 

der arbeitstitel bei unseren aktuellen bauten heißt im moment:

die minimale bedrohung“, so empfunden durch externe beobachter unserer -aus ihrer sicht- sehr eingeschränkten, im wahrsten sinne des wortes, in stein gemeisselten gestalterischen verfehlungen.

minimal ist hier allerdings nicht im sinn von „sehr klein, sehr wenig, niedrigst, mindestens“ (duden, das große fremdwörterbuch, 3. auflage) gemeint, was zunächst abzuleiten wäre, also nicht im sinne eines quantitativen gebrauchs.

sondern im sinne eines negativums, im sinne eines qualitativen missverständ-nisses, so die etablierten gestalter und kreativen unserer zunft.

uns lässt das ästhetisch geschwängerte investorengefasel über minimalismus, dessen gebaute ergebnisse, vor allem auch in kenntnis unserer einstmals schönen münchner stadt (vgl. bally prell : isarmärchen), das eben gegessene heftig aufstoßen.

 

sehr gerne wird z.b. das label „bauhausarchitektur“ verwendet; wenn man will mit dem zusatz „...von stararchitekten“ versehen.

austauschbar durch andere seherische vermarktungsanalogien, die die miet- und kaufpreise in exorbitante höhen treiben helfen sollen.

 

es ist zu befürchten, dass die karawanen der architektur-heilsbringer den immobilientümpel so lange aussaugen, bis der letzte tropfen marktwert versickert ist und die die oase umgebenden schatten spendenden palmen ihr blattwerk verloren haben und aussehen wie peitschenleuchten im straßenraum. dann wird sich die karawane aufmachen und die nächste oase aufsuchen, wenn es dann noch eine gibt.

unser vorschlag wäre vielleicht das kreativquartier in detroit, usa, zu nutzen, wo sich nach erfolgter künftiger revitalisierung durch kreative aller berufsgruppen das wasserloch für die designorientierten abzocker wieder füllen wird. wir sind gespannt!

übrigens, die favelas in rio de janeiro sind gerade im blickfeld der reiseveranstalter und investoren, als joint venture für bildungshungrige.

abenteuerurlaub mit überfallsgarantie in der gated community, all inclusive versteht sich, in exklusiver hanglage mit blick auf den corcovado, sponsored by fifa.“

es bleibt die frage, wo sich dann die favelabewohner wiederfinden werden ? wenn es ganz gut läuft, in zürich vielleicht!

 

weniger ist mehr (weniger ist weniger!), designorientiertes minimalistisches wohnen zu exorbitanten preisen mit blick auf unseren corcovado, die zugspitze, und die armenviertel (wenn es die bei uns im favelaschen sinn überhaupt gibt?), das „gesicht“ mit versetzten facetten-(riesen)augen oder unterschiedlich großen tageslichtspendern, durchgestaltet mit seitlich verschiebbaren augenlidern (=bunte schiebeläden), oder vielleicht auch im historisierendem erscheinungsbild verhaftet, mit fries und gesims, mit pilaster und mäander, also irgendwie auch in anlehnung an die architektursprache vergangener unheilstiftender menschenverachtender deutscher baugeschichte, aber oft viel schlechter in materialwahl und detailausbildung.

letzteres hatten gärtner, klenze, -ja auch der- bürklein, theodor fischer noch meisterhaft beherrscht.

 

die offene frage oder die immanente hoffnung nach der nativen qualität des minimalen ist eine glaubensfrage, die erst einmal verstanden und begriffen werden muss, vorbehaltslos, uneigennützig, nicht nachtragend.

ohne disziplin und gelassenheit besteht keine hoffnung auf annäherung an die eigentliche minimalität.

neugierig und offen für etwas unbekanntes, was nicht dem eigenen gedankenkonstrukt entstanden ist, banal erscheint und in der derzeitigen -gerne als akademische gestaltungs-diskussion- beschriebenen selbstbeweihräucherung im kollegenkreis ein unästhetisches nicht-must-have-design ist und im schlimmsten falle der gemeinschaft der heiligen architektur nicht zugeordnet wird.

manchmal sind die dem beton immanenten konstruktionseigenschaften in den händen der architekturversteher einem brauchbaren ergebnis eher abträglich.

 

in einem gestrigen (10.08.2014) sonntäglichen radiogespräch zitierte der philosoph peter sloterdijk seinen philosophenkollegen martin heidegger, in einem zugegeben anderen kontext, und sprach von der not der notlosigkeit und einem zunehmenden beliebigkeitsgefühl.

 

dies wäre ohne suche nach den sattsam kolpotierten sogenannten besten beispielen einfach und sehr spontan aus dem füllhorn der beispiele zu hinterfüttern.

 

arbeitstitel:

die bevorzugte illusion der gestalt(ung) und ihre allenfalls temporäre wirkung“

 

ad 1

warum gestaltet man z.b. mit größtem aufwand mühevoll (weichgespülte) artifizielle kreativquartiere als städtisch räumliche bauliche vorgabe für die kreativen, nachdem man die im zeitprozess an der grenze zwischen zufällig und geplant in nischen entstandenen vernichtet hat?

these: die grundlage für diese kultur im allgemeinen ist die subkultur im besonderen. in der neu entstandenen hochschule für fernsehen und film in münchen, hff, ist es nach meinem kenntnisstand verboten, information an die sorgfältig geschüttete und verdichtete betonstruktur zu nageln.

eine fundamentale behinderung der freiheit der künste also, de facto die verhinderung der entstehung von nonkonformismus, mindestens aber ein verbot von informationstransport des kreativen und informellen. Man könnte es auch als denk- und handlungsverbot für kreative verstehen.

welch reaktionäres verhalten.

der transport und die dokumentation von kunst oder künstlerischem muss in geordneten bahnen stattfinden, kontrollierbar, in falsch verstandener bauhausästhetik. mit alufolie tapezierte wände sind cool, aber nicht bei uns.

eine hochschule ist keine warholsche factory, sagen die die kultur regelnden den kulturschaffenden unter androhung von schadenersatzansprüchen ob der vernichtung der gebleachten makellosen hülle.

die kariesgefahr scheint damit gebannt zu sein.

 

ad 2

die über jahrzehnte auf dem alten gelände der stadtwerke münchen gehortete und konserviert gelagerte (als die gasometer noch das eingangstor nach moosach signalisierten), von karl muffat errichtete ehemalige maximilians-getreide-halle, wird seit geraumer zeit von uninspirierten und marktorientierten investoren betrieben. seit ca. 10 jahren ist die alte schrannenhalle neben dem viktualienmarkt am alten standort platziert und sucht nach adäquater verwendung. jetzt ist „die“ lösung gefunden: edeka soll einziehen!

das schicksal der schranne wäre am ehemaligen städtischen lagerplatz auf dem gelände der stadtwerke besser aufgehoben gewesen, denkt man an die high- speed-verwandlungen der jüngeren vergangenheit.

als demontiertes ehemaliges industrielagerdenkmal sozusagen, als dokumentation für die erste eisenkonstruktion in münchen, unkommerziell genutzt oder auch ungenutzt, warum nicht(?).

vielleicht wieder als getreidelager, so wie in der lebendigen vergangenheit.

damals gab es dort mit größter wahrscheinlichkeit käfer im korn, jetzt kann man dort exklusiven korn vom käfer kaufen.

 

ad 3

mit blick über den weißwurst-äquator...

 

die mobilität im erscheinungsbild der immobilie, z.b. durch die vermeintlich freie anordnung von öffnungen -fenstern, türen- ist insofern ein trugschluss, als dass diese vermeintliche freiheit sozusagen durch die gültige erwartungs-haltung bzgl. der gestaltungserwartungen zwanghaft geworden ist.

wer etwas auf sich hält, ist locker im design und folgt der conditio sine qua non dieser erwartungshaltung, einem ungeschriebenen gesetz quasi.

 

die mobilität im erscheinungsbild der immobilie wäre dann reell, würden die öffnungen sich nicht nur im entwurfsprozess „frei“ bewegen, um bei der realisierung dann doch unverschiebbar verortet werden zu müssen, sondern auch nach fertigstellung zu jeder zeit nach anspruch und bedarf verschiebbar bleiben.

stichwort: die mobile fassade.

welche veranlassung besteht also, die zwanghaft verordnete freiheit (!) in der anordnung der gestaltungsmittel als ästhetische bereicherung des sogenannten banalen zu definieren?

 

oder könnte es nicht auch so sein, dass das sogenannte banale eben genau in dem zwang, eine freie anordnung der öffnungen zu wählen, besteht?

welcher gesetzmäßigkeit oder intuition unterliegt die anwendung dieser gestaltungsentscheidung bzw. aus welchem hintergrund ist die positive gewichtung einer „freien“ anordnung abzuleiten?

nach syntax, semantik, matrix, proportion, genialität, plagiat, mode, vernunft, unvernunft, baukünstlerischem gespür, freiheit, zwang … (aufzählung ohne gewichtung und vorsätzlicher reihenfolge)?

 

als beispiel zur freien anordnung soll jean nouvels l´institut du mode arabe (1987) in paris gewählt werden. im jahre 1989 erhielt jean nouvel den aga khan award for architecture für dieses faszinierende projekt.

es kann als teilrealisation einer mobilen fassade betrachtet werden, als konkrete utopie einer teilmobilen fassade.

das einzelne öffnungsmodul ist orthogonal horizontal und vertikal gereiht und gestapelt in gerasterter skelett-konstruktion.

das spektakel spielt sich im inneren der jeweiligen öffnung ab, als computer gesteuerte maschrabiyya-konstruktion (arabisch, holzgitter, gedrechselt und geschnitzt, geometrische muster, sichtschutz, sonnenschutz, gefilterte belichtung, wahrung der privatsphäre...).

die „fensterkonstruktionen“ sind als optisches system wie irisblenden ausgeführt. stufenloses öffnen und schliessen, individuell je irisblende, ergibt nicht nur ein vielfältiges erscheinungsbild, sondern ermöglicht auch eine sehr spezifische tageslichtsteuerung, je nach bedarf oder wunsch.

aber: die fenster selbst wandern nicht in der fassade! dies wäre dann die endstufe in der entwicklung einer mobilen fassade, zumindest nach unserer einschätzung.

 

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in unserem strittigen fall der „minimalen bedrohung“, nämlich den sogenannten architektonischen ansprüchen im erscheinungsbild gerecht zu werden oder, wie kolportiert, eben gerade nicht, sind wir auf der suche nach dem wohl ungeschriebenen glaubensbekenntnis zur ästhetischen erkenntnis, was gut ist und was schlecht.

möglicherweise ist es ein problem unterschiedlicher wahrnehmungsfähigkeiten.

die aktuelle wohlstandsgesellschaft und ihre gleichlautenden erscheinungsbilder oder auch götzenbilder könnten quasi als neue sakralkunst in so etwas wie den zyklus des osterfestkreises mit seinem hl. geist und dessen niederkunft eingegliedert werden.

selbstbeschränkungstugenden sind bei uns ausgestorben, wir suchen sie dennoch -möglichst in weiter ferne- bei sogenannten abenteuerurlauben oder kreuzfahrten mit weißen riesen in den paradiesen dieser erde.

den rum trinkt man in der originären bar, entsorgt wird er dann aber lieber im eigenen naturstein-wc an bord.

 

wir präferieren -im moment zumindest und hier- nicht die erscheinungsbilder unserer wohlstandgesellschaft.

wir springen nicht, wir verschieben nicht, wir wählen die selbstbeschränkung, wir schächten die neue angewandte, oben beschriebene, quasi holografische ästhetik und nehmen uns die freiheit, das über- und nebeneinander stringent und geordnet dem künftigen gebrauch zuzuführen.

so eine entscheidung geschieht nicht aus unkenntnis oder informations-rückstand, nicht aus orientierungslosigkeit oder faulheit. es hat sich über jahre parallel entwickelt und orientiert sich an der konkreten bauaufgabe und ihrer zielsetzung, am bedarf, an den kosten für erstellung und vermietung, am sozialen gefüge einer stadt und an der identifikation mit derselben und es ist sicherlich kein allheilmittel!

keine sorge, auf gestaltung wird dennoch nicht verzichtet werden!

aber, manchmal wollen wir es so, wenn es sinn macht! und hier macht es sinn!

 

zugegeben, genügsamkeit verstößt gegen den zeitgeist der selbsternannten ästhetiker unserer konsumgesellschaft, die für sich in anspruch nehmen, die gestaltungsregeln gepachtet zu haben, zu kennen, und der überzeugung sind, diese sicher anzuwenden.

aber zum schweinsbraten oder zum döner braucht´s eben nicht immer kaviarersatz vom seehasen.

eine resche breze oder ein warmes fladenbrot tut´s auch.

 

Heinz Franke 20140813

 

 

Krünerstraße, München-Sendling, FRR Architekten 20140808
Krünerstraße, München-Sendling, FRR Architekten 20140808