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20091017fra
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Spuren lesen

oder

Der Abdruck eines High Heels“

 

Abhängig vom jeweiligen Untergrund ist die Spur oder der Abdruck eines Gegenstands für das menschliche Auge wahrnehmbar oder bleibt ihm verborgen.

Die Eingeborenen der alten Kulturen konnten die Vergangenheit der vormals Anwesenden oder den Lauf der Welt ohne Wissenschaft in diesen Spuren und Abdrücken lesen wie in einem Buch.

Für unser heutiges „Spuren lesen“ müssen sich die Signale zur Wahrnehmung schon in knallig bunten Farben oder Scherenschnitt gleichen scharfen Umrissen darstellen, um eine für uns erkennbare Sprache zu sprechen.

 

Die Wahrnehmungsfähigkeiten der Menschen sind in diesen unseren Zeiten leider degeneriert und auf vereinheitliche #-Sprachen (Hashtag-Sprchen) beschränkt, als „Social Media Guidelines“ vielleicht.

 

Der den gewünschten Schmerz verursachende und höchste Lust verursachende Lauf der Domina, also der „Herrin des Hauses“, mit angespitzten Absätzen über den Körper des Flehenden, hinterlässt je nach Profil Eindrücke in unterschiedlichsten Farbtönungen und -nuancen auf dem nach Schmerz „süchtigen“ Körper, zumindest einen unbestimmten Zeitraum bleibend, im besten Fall als lebenslang erkennbare Stigmatisierung für alle sichtbar, den sogenannten dunklen Seiten des „Eigenen Ichs“ als Amulett dienend.

Ob auch eine virtuelle Domina diesen lustvollen Schmerz vermitteln kann, muss bezweifelt werden. Der Verzicht auf den Besuch ihres geilen Studios ist jedenfalls ein schwerer Verlust für die Suchtler.

Denn dazu müsste es ja möglich sein, sozusagen mit den eigenen mit High-Heels bewaffneten Füßen langsam und lustvoll über den erwartungsvoll zitternden eigenen Rest-Körper zu laufen.

 

Hashtag#ich trete neben mich selbst und ich trete dann mich selbst

 

Es gibt nämlich einen unübersehbaren Unterschied zwischen Twitter + Zwitter, und wenn es sich auch „nur“ um den Unterschied einer schützenswerten Minderheit handelt!

 

Eine Spur oder einen Abdruck hat man in der jüngeren Vergangenheit zum Beispiel mit einem sogenannten „Kartoffelstempel“ herstellen können.

Lernen konnte man das damals z.B. in den kindgerechten Ausbildungsstätten, den althergebrachten Kindergärten, schon ab dem Alter von drei Lebensjahren, mit einem scharfen Messer bewaffnet.

Nach den ersten, manchmal schmerzhaften, gelungen geschnitzten „Spuren und Abdrücken“ beherrschte das Kleinkind die Kunst, einen gut gestalteten Kartoffelstempelabdruck zu kreieren.

Auch bei durchschnittlichem Talent meist meisterhaft, ohne in den Verdacht zu geraten, deshalb später quasi automatisch Förderer, Kenner und Nutzer der Dominakünste zu werden.

Auszuschließen war dies freilich aber nicht.

 

Das Basteln eines Kartoffelstempels hat seine Attraktivität verloren, zu Gunsten von Englisch-, Französisch-, Spanisch-, Italienisch- und Chinesisch-Kursen in der Kindertagesstätte, überzuckert mit der Ausbildung am Computer und der Panflöte, dabei vielleicht in winzigen Balletschuhen etwas verloren auf der viel zu großen Yogamatte liegend.

Die Tatsache, dass die eingeübte Finger-Motorik von Klein-Hans und Klein-Uschi heutzutage eher der leicht schräg nach oben ausgeführten Wischbewegung entsprechen muss, hat natürlich oberste Priorität für die finanzielle Sicherheit, die einem/r den späteren Erwerb einer Eigentumswohnung in und um z.B. München sichern kann, wenn man dieselbe nicht schon mit Antritt des Erbes um den Hals gehängt bekommt, wie ein Collier von Cartier.

Auf das Erlernen des professionellen Umgangs mit „Messer, Gabel, Scher´ und Licht sind für kleine Kinder nicht“ kann voll umfänglich verzichtet werden, dies gilt als antiquiert.

Endlich bewahrheitet sich der Kinderreim im täglichen lebenslangen Gebrauch desselben; zu verdanken haben wir es der i-smart-pad-phone-Gesellschaft. 

„Ich brauch Joghurt, sprach der Kühlschrank", frei nach Hildegard Knef.

Danke dafür.

 

Für später dann hat sich der Nachwuchs damit den lebenswerten Vorteil mit dem ach so frühen Gebrauch der wischenden Finger erarbeitet: er kann ein Smart-Home zielsicher steuern und stellt sich dabei nicht so hirnverkrüppelt an, wie unsereins mit dem viel zu späten Erlernen des Gebrauchs der mobilen und sozialen Medien. Schwierig wird es allerdings schon mit dem braten eines Spiegeleies beim Häuptling "Wischender Finger".

 

Dafür kennen wir Zurückgebliebene noch Russische Eier, mit Fleischsalat gefüllte Tomaten, den köstlichen Kaviar-Ersatz (Deutscher Kaviar?!?) und in „Obatztn“ (Angebatzten) gerammte Salzstangerl, vor dem obligaten Chantré danach (selbstverständlich nur für die Erwachsenen).

 

Das war die Zeit, als die Fenster der Fassaden der kunstbeflissenen Vergangenheit und der Wiederaufbau-Nachkriegszeit noch übereinander angeordnet waren und dieses niemand als architektonisches Versäumnis empfand; was für ahnungslose Bau-Kultur-Ignoranten waren das doch!

Welch unverständlicher Verzicht auf den wahren Genuss von Geschmack und Ästhetik.

 

Vielleicht sind die zeitgeistigen, die modischen „springenden Fenster“ im Kontext mit den (weg?)wischenden Fingern der Smartphone´ler zu sehen. Da kann sich der spätere Ausblick auf die Alpenkette in der Planung schon einmal verschieben.

Papier, Schiene und Winkel und die aquarellierten klenzeartigen Baupläne und die daraus entstandenen Monumente haben sich im Nachgang dann eben doch als allerhöchstens zweit- oder gar drittklassig erwiesen.

An der Spur oder dem Abdruck eines einzelnen High Heels hingegen hat sich im Grundsatz in all den Jahren und Jahrhunderten, in denen es hohe Absätze gab, eigentlich nichts wesentliches verändert.

Nur die Schrittfolgen, die die Summe der Abdrücke sprich die Fassade ergeben, haben nichts mehr mit den geregelten Tanzkurs-Erkenntnissen zu tun, architektonisch gesehen.

Man(n) und Frau vertrauen auf Inspiration, analytische Kreativität und unbekannte Gestaltungsregeln nach dem Motto: „Nicht jede/r Architektin/Architekt ist ein/e Künstler/in, aber ich gehöre zweifelsfrei dazu.“

Die Sicherheit im Auftreten der Künstler/in kann allenfalls dadurch beeinträchtigt werden, wenn sich der Bleistift-Absatz der HH´s in den viel zu großen, mit Moos bewachsenen Fugen des Groß-Kopfsteinpflasters verhakt hat.

Ja, die Künstlerschaft benutzt gerne den unsicheren Gang auf spitzem Geläuf. Womit wir wieder bei der Domina wären.

 

Vielleicht leiste ich mir doch einmal den Besuch bei einer dieser Damen.

Vorweg werde ich aber schon bei der Begrüßung im „Edelweiß“ klar hörbar hinausposaunen: „Ich möchte nur reden, bitte.“

 

20121008fra
20121008fra

 

Vielleicht leiste ich mir...                      XX.XX.XXXX