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20121007fra
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Carnevale 2017

 

Jubel, Trubel und Tschingderassabum auf den schlüpfrigen feuchten Plätzen und Straßen und Wegen und Gondeln sucht man vergebens. Während und nach den Überflutungen läuft man über mobile Holzstege.

Die Stimmung ist ganz weg, urplötzlich.

 

Es gibt keinen Grund mehr für Jubel, Trubel und Tschingderassabum solange die Carnevalisten wüten.

 

Eine 83-jährige Duchessa war in Venedig untergetaucht im Canale Grande, gegenüber vom Palazzo Grassi, einstmals im 1983er Jahr, im wahrsten Sinne des Wortes und unfreiwillig, versteht sich.

Die Touristenmassen hatten sie abgedrängt vom haftungsfreien Geläuf.

Sie ist ertrunken und verloren gegangen.

Nur ihre Kunsthaar-Perücke (der Name der Duchessa war eingestickt auf dem inneren Leinentuch) schwimmt heute immer noch oben, einsam und verlassen, als Reminiszenz an die Verstorbene sozusagen.

Die die Gischt aufwühlenden Schrauben der venezianischen Motorboote haben die Perücke jahrelang durch die Kanäle getrieben und niemand hat sich darum gekümmert.

 

Man ging sich eben schon damals nicht mehr aus dem Weg oder trat zur Seite um Entgegenkommenden Platz zu machen. Schnurstracks geradeaus war und ist die Devise; kein Respekt vor Altem Adel.

 

Vielleicht findet der Riemen eines Gondolieres einmal festen Widerstand im Seichten, irgendwo im Geflecht der kleineren Kanäle, und stößt dabei auf den leblosen, gut gewässerten, im trüben Venezianischen eingelegten Körper der Duchessa, der sich nach längerem Treiben dann doch im hölzernen Gewirr der Eichenpfähle verfangen hatte. Vielleicht aber nur.

 

Es war die Duchessa in feinstes Duchesse gehüllt gewesen.

In das reinseidene Kettatlasgewebe in zwölfbindigem Satin, bei dem die Kette aus Organsin und der Schuss aus Tramé bestand.

Diese feine Gewebe wird die Jahre im konservierenden venezianischen Gewässer Jahrzehnte bestens überstanden haben, da es sich um allerfeinsten Stoff handelte. Was für ein Kleid.

 

Würde Giacomo Casanova am Unglückstag noch gelebt haben, er hätte die gealterte Duchessa nach einem kühnen Kopfsprung in das trübe Nasse inniglich beatmet und gerettet. Sie wäre ihm in ihrer grenzenlosen Dankbarkeit ob Ihrer Rettung in schmachtender Liebe verfallen und er, er hätte sich nicht zweimal bitten lassen.

Das waren noch Zeiten.

 

Und heute dümpeln die Perücken der Vermissten im Wellenschlag der Lagune so wie die schlafenden, an rot-weiß geringelte Pfähle gefesselten Gondeln.

 

`O sole mio wurde bei der Trauerfeier für die vermisste Duchessa gespielt. Dazu wurde Enrico Caruso den schwarzen Rillen mit einem gealterten Grammophon mit stumpfer Nadel in kratzigem Ton entlockt.

 

 

Fast könnte man meinen, dass sich Sterben dafür lohnt.

 

 

Heinz Franke 20170224