FRANKE RÖSSEL RIEGER

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Vier Thesen zu:

„Der Weg ist das Ziel“ (Konfuzius)

 

I          Der Weg ist ein Weg

II         Das Ziel ist ein Ziel

III        Der Weg ist ein Ziel

IV        Das Ziel ist ein Weg

 

 

Dies ist ein Versuch, das Sekundäre und das schon Gesagte auszublenden.

Der Verzicht auf Recherche eröffnet die Chancen, im eigenen Denken, Hören, Sehen und Empfinden auf Entdeckungsreise zu gehen. Der Einfluss auf das Nachstehende entsteht nicht auf aktive Betrachtung der Historien, auch wenn diese natürlich in den körpereigenen Speichern angelegt ist. Die Nebenbedeutungen der definierten gesetzmäßigen Bedeutungen von Sprache und Schrift sollen essentielle Bedeutung erhalten im Sinne der Konnotation.

 

 

I           Der Weg ist ein Weg

 

Macht man sich auf den Weg, dann muss es nicht immer von Anfang an klar sein, welcher Weg es sein wird und wohin er einen führt. Man könnte sich treiben lassen wie die Flaneure von Charles Baudelaire und Walter Benjamin.

Aus einem Weg können 2, 3 oder viele Wege werden, die – wenn er sie denn dann begeht – dem Flaneur am Anfang nicht bekannt waren. Die Sinnfrage, sich quasi ohne feste Zielvorgabe im Raum zu bewegen und die Wahrnehmung des Überraschenden und Zufälligen dem Strukturierten vorzuziehen, stellt sich nur dem ungeübten Streber, dem Flaneur, nach Erkenntnis. Der geübte Streber zieht los und sucht vom ersten Schritte an sogenannte Beweise für seine vorgefassten Anschauungen, die sich aus der Kenntnis oder willfähriger Adaption von dokumentierten Sachverhalten rekrutieren. Damit konkurriert er automatisch mit denjenigen, die sich ähnlichen oder identischen Fortbildungen wie er selbst unterzogen haben. Der geistige Einheitsbrei schmeckt ihm wahrscheinlich am besten und ist überall in Varianten zu erwerben oder vernetzt.

 

Der Flaneur stattdessen ist wandelnde menschliche Hülle für Offenheit und Neugier, ist gegen alles was da kommen könnte nicht abgesichert und mit wachen Sinnen ausgestattet, einem Entdecker gleich, der etwas riskiert, um Neues zu finden. Ein Entdecker also, der von sich allerdings nicht behauptet, auch ein Erfinder zu sein. Allenfalls ein Finder aus seiner subjektiven Sicht, einer, der etwas findet, was andere vielleicht schon längst gefunden haben, einer der immer am Anfang steht und nie ankommt und sich trotzdem nicht verloren und einsam fühlt. Ein Flaneur braucht keinen Plan der Stadt, schon gar keinen Digitalen, er ist der Plan und zeichnet diesen durch seine unsichtbaren Fußabdrücke, wenn es nicht gerade geschneit hat oder der Erdboden von einem Sandsturm überzuckert wurde und noch unbegangen jungfräulich ist. Spurenlesen liegt nicht in seinem Interesse, das überlässt er den fortgebildeten Strebern.

 

Es kann dann schon einmal passieren, dass die Absätze abends schiefgelaufen sind. Bei neuen Schuhen sind Blasen nicht selten, sind die Schuhe noch nicht gut eingelaufen. Flipflops sollten trotzdem nicht getragen werden beim Flanieren, weil diese keinen festen Tritt gewährleisten und nicht poliert werden können. Ein Flaneur ist eine Dame oder ein Herr, mit Stock und Hut und Grandezza.

 

(Und) Möchte man beim Flanieren den Blick nach oben richten, dann bleibt man stehen und genießt. Wir erinnern uns sonst mit Schmerzen an die Geschichte von „Hans guck-in-die-Luft“.

 

Der Weg ist ein Weg. Nicht mehr, aber auch nicht weniger und das ist schon sehr viel.

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II         Das Ziel ist ein Ziel

 

Ein Ziel ist in der Regel markiert. Unter etwas durchlaufen oder -fahren, obenauf ankommen, darunter schlüpfen, landen, Punkt, Frage oder Ausrufezeichen setzen, zuklappen, anrichten, endgültig entsorgen und, und, und.

 

Jedes Ziel ist immer auch eine Durchgangsstation, da gibt es trotz gegensätzlicher Behauptung nichts Endgültiges. In irdischer oder extrakorporaler Existenz geht nichts verloren, eigentlich wird alles weiterverarbeitet oder benutzt und dadurch verändert. Auf andere Weise oder in veränderter Form vielleicht. Früher war es anders als heute und morgen ist es anders als früher.

 

Welche Bedeutung hat ein Ziel dann?

Keine Bedeutung hat das Ziel. Ziele existieren nicht, Ziele sind Markierungen in der Unendlichkeit. Irgendwann ist die Idee Realität geworden und wird als fertig bezeichnet, einige Zeit später ist sie dann fertig im umgangssprachlichen Sinne, sie ist zur Unzulänglichkeit mutiert, zerbröselt und unrein ist die Existenz des Seienden und Gewesenen, zu Staub geworden oder in Atome zerlegt. Dann folgt die Wiederaufbereitung und danach eine Art Wiedergeburt, vielleicht als Regenwurm oder gleich gar als neue Bedrohung. Dies gilt für alle Existenzen von Geist und Materie. Selbst die widerstandfähigsten Mauern haben osmotische Eigenschaften, tausend Jahre können z.B. nach 2 Jahren zu Ende sein. Das lehrt die Geschichte, wenn es eine Erinnerung an sie gibt.

Dabei ist der Mensch keineswegs das Maß aller Dinge, auch wenn er sich kräftig darum bemüht, die Geschicke auf zerstörerische Art um seiner selbst willen zu beeinflussen.

 

Ziele können verschiedene Interpretationen zu ein und demselben Thema sein, aus Sicht der menschlichen Existenz.

Die meisten Ziele entziehen sich dem Menschlichen, sie sind temporär. Die neuen Schimmel sind sogenannte Statistiken, die von Expertenkonsortien erstellt und unmittelbar anschließend korrigiert werden, sie haben nichts mit Feuchteeintrag zu tun. Statistiken sind Abstraktionen von den sinnlichen Zuständen, die wahrgenommen werden. Wahrnehmung aber ist per se undogmatisch weil subjektiv und menschlich. Genau darin liegt ihr Fehler. Ein Dogma wäre ein einer Richtschnur gleichender Lehr- oder Glaubenssatz, der soeben aufgestellt sein Haltbarkeitsdatum auch schon wieder überschritten hat. Dogmen beschäftigen sich überflüssigerweise mit der Vergangenheit, wo doch Zukünftiges ständig, in jeder Millisekunde fortgeschrieben wird. Nichts steht still.

 

Somit wären Ziele immer eine Art von Perpetuum Mobile und bar jeder Utopie. Es gibt keine Endlager für nichts. Ziele sind Jargonismen weil das große Ganze jedes Menschliche übersteigt.

 

Ein Ziel ist deshalb nicht wirklich ein Ziel, es liegt in der Vergangenheit und misstraut der Zukunft.

 

Es handelt sich eher um eine Medaille mit unendlich vielen Seiten. Nach ihrer Form wird gesucht.

P Passerelle Simone de Beauvoir 20121006fra
P Passerelle Simone de Beauvoir 20121006fra

III        Der Weg ist ein Ziel

 

Eine Art von Wallfahrt also. Die Wallfahrt beinhaltet zwar das Erreichen eines vordefinierten Ortes mit dem „Ziel“, diesen in umgekehrter Richtung nach kurzem oder längerem Verweilen aber wieder zu verlassen. Wallfahrten sind in allen Religionen bekannt. Irgendwie ist eine Wallfahrt aber auch eine Prozession. Die Rückkehr ist inkludiert. Im Hinterkopf tauchen vielleicht auch Existenzialisten auf, Menschen atheistischen Glaubens also. Quasi wallfahrende Pendler der Neuzeit wie Sartre, Beauvoir oder Camus beispielshalber. Man sagt Ihnen nach, sie waren vorwiegend in Schwarz gewandet, die Existenzialisten?

 

Auch wäre es möglich, das Ziel der Wallfahrt quasi auf einem vordefinierten Kreisbogen anzulegen, als Rundweg sozusagen. So wäre das Ziel, würde der Kreisbogen mehrmals begangen, ein mögliches Ziel unter unendlich vielen Zielen auf diesem Bogen und gleichsam eines der unendlich vielen Zielpunkte darauf. Das könnte man dann als Prozession ohne spürbaren Anfang und ohne spürbares Ende bezeichnen. Es reiht sich Punkt an Punkt mit kleinem oder großem Abstand dazwischen.

Ob die durchgängige und störungsfreie Begehung dieses Kreisbogens möglich ist hängt davon ab, ob es auf diesem Wege Störungen und Barrieren gibt, die zum Verlassen des vorbeschriebenen Wegs zwingen. Darin bestünde allerdings auch die Chance auf diesen Umwegen -dicht am Kreisbogen- andere Fern- und Nahblicke erleben zu können. Die Wege sind also bestimmt, weil sie begangen werden, die Ziele dagegen unbestimmt, weil sie erst erreicht werden müssen, wenn man sie denn überhaupt erreichen kann.

 

Bei der bloßen Begehung einer Passerelle durch einen Flaneur ist der Weg real auch das Ziel. Ein Ziel, welches exakt die Dimension eben dieser Passerelle hat. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass der Passerellist sich zeitlebens ausschließlich auf diesem nach Länge und Breite definiertem Wege, der Passerelle bewegt. Wird der Mensch nicht auf der Passerelle geboren, dann hat er anfangs zumindest den Weg zu ihr zurück zu legen. Erst dann kann er sich entscheiden, dass der Weg auf der Passerelle sein immerwährendes, sich nicht veränderndes Ziel ist, lebenslänglich.

 

In meiner Erinnerung verbinde ich zwei Sujets mit dem Begriff der Passerelle. Der Ort ist, wie könnte es anders sein, mein Paris.

Im Jahr 1607 wurde die berühmte Brücke Pont Neuf eröffnet. Unter der Regie von Leos Carax entstand im Jahre 1991 der  anrührende und großartige Film „Les Amants du Pont Neuf“ mit Juliette Binoche + Denis Lavant. Die Pont Neuf nimmt hier die Rolle der Passerelle ein und ist zentraler Ort des Geschehens. Sie ist Weg und Ziel in einem.

Im Jahr 2006, fast auf das Jahr genau 400 Jahre später, wurde eine Verbindung über die Seine zwischen Parc de Bercy und Biblithèque National de France gelegt. Es war und ist die 1. Brücke in Paris, die nach einer Frau benannt wurde, nämlich die Passerelle Simone de Beauvoir.

 

Es ist eine besondere Erfahrung, jeweils einen ganzen Tag für diese Passerellen zu verwenden. Es erfordert große Disziplin wie auch eine gut ausgeprägte Schmerzunempfindlichkeit, soll es einem gelingen, sich nur zwischen den beiden Brückenwiderlagern zu bewegen, acht Stunden am Stück.

Es handelt sich dabei um eine bloße Begehung dieser Passerellen auf Zeit, begrenzte Zeit, Überprüfung der Identität eingeschlossen, man ist zunächst verdächtig, dann wird einem Respekt gezollt.

Das Leben gleicht einer Passerelle, eingebunden zwischen Geburt und Tod, zwischen α und Ω. Der Weg dazwischen ist das Ziel.

 

Somit ist jede Frau und jeder Mann eine PasserellistIn die sich auf einer Passerelle mit unbekannter Länge, Breite und Konstruktion bewegt.

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IV        Das Ziel ist ein Weg

 

Kaum zu glauben. Und doch brillant bewiesen.

Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt ,1769  † 1859, war so einer, der in vielen Welten forschend zu Hause war. Seine Forschungsziele an Forschungsorten waren Myzele, unbekannte Wege, Natur gegebene konjugierte Konglomerate, deren Eigenschaften entwirrt, seziert, freigelegt und meisterlich genial dokumentiert wurden. Fundamentale Fundamentalsätze sind überliefert.

Ergo: ist das Ziel ein Weg, dann befinden wir uns naturgemäß im Bereich der Forschungen, die neue Erkenntnisse auf den vorherigen Erkenntnissen aufbauen, diesen sehr wohl aber auch grundsätzlich wiedersprechen können.

In fast abgeschmackter Form ergänzt „das Heute“ in gewisser Art eine verzichtbare neue Art der Forschung, nämlich die in der allgegenwärtigen Design(er)welt. Davon hätte einiges besser nicht erforscht werden sollen. Dies entspricht meist nicht Humboldt´scher Attitüde. Wie bitte hätte so ein Flaschenöffner nach Humboldt ausgesehen?

 

Ein Ziel ist ein Weg aber auch, wenn es ein Weg ist, so wie im Kapitel I beschrieben (Der Weg ist ein Weg).

So schließt sich ein Gedankenkreis, wobei es nicht unbedingt diese archaische Form sein müsste. Und es gibt nichts, was ohne Abhängigkeiten leben oder sterben kann.

„Alles ist nichts und nichts ist alles“ oder „ich sage was ich nicht denke und ich denke was ich nicht sage“.

Dies ist ein, mein Credo – es ist sowohl eines Existenzialisten als auch eines Gläubigen würdig, weil es Ziel und Weg zugleich abbildet.

Es müsste also heißen: „Wegziel ist Wegziel“ oder „Zielweg ist Zielweg“ oder.....................

 

 

V

 

Die These V steht noch aus, sowie alle anderen offenen Thesen auch, und deren gibt es unzählig viele.

 

Dann zitiere ich am Ende doch noch einen großen Namen.

Jean Baudrillard sagt in Einzigartige Objekte Architektur und Philosophie, einem Gespräch zwischen ihm selbst und Jean Nouvel, zur Überschrift „Von einer anderen Weisheit“:

Zitat  … Das Wesentliche ist, gesucht zu haben! Selbst wenn Du das verfehlst, was Du ursprünglich gesucht hast, verschiebt sich die Bewegung der Suche und etwas anderes läßt sich entdecken… Ende

  

Diese Thesensammlung stellt auch eine Essenz des Denkens dar, aus dem ein Minimalprojekt geschmiedet wurde, dereinst.

 

 

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